Die  Armeereorganisation  und  der  Verfassungskonflikt.  329

Die  Hohenzollern  sind  ein  ganz  eigenartiges  Herrschergeschlecht.
Denn  in  der  ganzen  Weltgeschichte  giebt  es  kein  Fürstenhaus,  in  dem
Thronentsagungen  so  zahlreich  vorgekommen  sind,  wie  in  der  Reihe  der
Kurfürsten  und  Könige  des  Hauses  Hohenzollern.  Man  sieht,  wenn  man
es  nicht  auch  sonst  wüßte,  sie  haben  ihre  fürstliche  Stellung  von  Anbeginn
  nicht  als  ein  Privilegium,  sondern  stets  als  ein  hohes  Amt  gefaßt,
das  sie  zum  Wohle  ihres  Landes  zu  verwalten  hätten.  Und  wenn  sie
der  Erreichung  dieses  Sieles  nicht  mehr  gewiß  sind,  so  legen  sie  ihr
Herrscheramt  nieder,  um  durch  einen  letzten  Entschluß  noch  das  Wohl
ihres  Volkes  zu  wahren.  Aber  sonst  ist  es  doch  immer  das  Bewußtsein
der  nachlassenden  Körperkraft  gewesen,  was  zu  diesem  letzten  Entschlusse
sie  geführt  hat.  Hier  aber,  in  König  Wilhelm,  war  es  das  erste  Mal,
daß  ein  Hohenzollernfürst  im  Vollbesitze  seiner  Kraft  für  den  Frieden
seines  Volkes  sich  zum  Opfer  darbringt.  Aber  Gott  nahm  das  Opfer
nicht  an:  Er  hatte  es  mit  Preußen  besser  im  Sinne.

Der  König  ließ  den  Kronprinzen,  seinen  einzigen  Sohn,  nach  Babelsberg
  kommen  und  übergab  ihm  die  Abdankungsurkunde  mit  dem  Auf—
trage,  sie  bekannt  zu  machen.  Der  junge  Kronprinz  erschrak  heftig:  es
war  die  ernsteste  Frage,  die  bisher  in  seinem  Leben  an  ihn  herangetreten
war.  Was  sollte  er  thund  Er  flehte  den  König  an,  von  seinem  Entschlusse
  Abstand  zu  nehmen.  Umsonst!  So  bat  er  ihn  um  eine  kurze
Bedenkzeit,  um  sich  zu  sammeln.  Er  hielt  die  Reorganisation  im  ganzen
nicht  weniger  für  unerläßlich  als  sein  königlicher  Vater,  wenngleich  er
der  Frage  frei  gegenüberstand;  aber  er  sah  voraus,  daß  jede  Nachgiebig—
keit  auf  diesem  Gebiete  von  vornherein  ihn  in  eine  schiefe  Stellung  zu
seinem  Dolke  bringen  müßte.  Er  erklärte  daher  dem  Könige,  daß  er  es
ablehnen  müsse,  die  Krone  anzunehmen.“)

So  mußte  der  König  denn  ausharren,  wie  es  auch  sei.  Er  sprach
zu  Roon  von  seinen  Seelenkämpfen,  von  seiner  Entschließung  und  verlangte
  den  Rat  des  altbewährten  Dieners  und  Freundes  in  seiner  schwierigen
  Lage.  Wiederholt  schon  hatte  der  Kriegsminister  dem  Könige  den
damaligen  preußischen  Gesandten  am  Tuilerienhofe,  Otto  von  Bismarck-Schönhausen,
  als  eine  besonders  geeignete  Hersönlichkeit  zum  Minister
vorgeschlagen;  und  mehr  als  einmal  hatte  ihn  auch  der  König  in  ernstliche
  Erwägung  genommen.  Aber  stets  nahm  er  doch  jedes  mal  wieder
von  ihm  Abstand,  weil  er  von  Bismarck  ein  allzu  ungestümes  und  rücksichtsloses
  Dorgellen  gegen  die  Gegner  der  Regierung  besorgte.  Aber

*)  Persönliche  Mitteilung  des  Kronprinzen.