330  Viertes  Kapitel.

jetzt  verlangte  die  Sachlage  mehr  als  je  einen  Mann  von  Kraft  und
Nachdruck.  Deswegen  hatte  Roon,  als  die  letzten  Zweifel  über  das  zu
erwartende  Ergebnis  der  Abstimmung  im  Abgeordnetenhause  schwanden,
auf  eigene  Hand  an  Bismarck  telegraphiert  und  ihn  aufgefordert,  ohne
Verzug  nach  Berlin  zu  kommen.  „Berufen  Ew.  Majestät  nur  den  Herrn
von  Bismarck“,  war  daher  auch  jetzt  wieder  seine  Antwort  auf  des
Königs  Frage.  Sie  kam  dem  Könige  nicht  überraschend;  wie  es  schien,
hatte  er  schon  selbst  daran  gedacht.  Dennoch  wandte  er  ein:  „Er  wird
nicht  wollen;  er  ist  auch  nicht  da:  es  kann  mit  ihm  nichts  besprochen
werden.“  Nun  belohnte  sich  Roons  Voraussicht.  Er  versicherte  dem
Könige,  daß  Bismarck,  der  am  Morgen  dieses  Tages  in  Berlin  eingetroffen,
  nachmittags  um  2  Uhr  in  Babelsberg  sein  würde.

Aber  die  Bedenken  des  Königs  waren,  wenn  er  auch  zur  Berufung
Bismarcks  entschlossen  war,  noch  nicht  ganz  überwunden.  Er  setzte  sich
an  seinen  Schreibtisch  und  entwarf  für  Bismarck  ein  Drogramm,  sehr
eingehend,  16  eng  geschriebene  Seiten  lang,  in  durchweg  gemäßigt  liberalem
  Sinne.  Sben  hatte  er  es  vollendet,  als  ihm  auch  schon  der  Erwartete
  gemeldet  ward.  Ohne  ein  Wort  der  ÜUberraschung,  daß  er
seinen  Botschafter  in  Babelsberg  statt  in  Haris  sähe,  ging  der  König  sofort
  auf  die  Sache  ein,  die  seine  Gedanken  ganz  erfüllte.  „Wollen  Sie“,
fragte  er  ihn,  „denn  auch  gegen  die  Alajorität  des  Landes  Ihr  Amt
antreten  und  führen  d“"  Mit  Wachdruck  erklärte  sich  Zismarck  bereit.
Die  Unterredung  befriedigte  den  König;  jetzt  nahm  er  ihn  ernstlich  für
die  auswärtigen  Angelegenheiten  und  zugleich  für  den  Vorsitz  im  Ministerium
  in  Aussicht.  Sobald  sich  Bismarck  im  auswärtigen  Amt  des
genaueren  orientiert  hätte,  sollte  die  Vorbesprechung  weiter  fortgesetzt
werden.  Das  aber  war  schon  jetzt  das  Ergebnis,  daß  der  König  die  Abdankungsurkunde
  vom  Schreibtische  nahm  und,  nachdem  er  Bismarck
hatte  einen  Blick  darauf  werfen  lassen,  vor  dessen  Augen  zerriß.  Und
auch  die  Instruktion,  die  er  eben  erst  für  den  Teueintretenden  geschrieben,
zerriß  er  jetzt  wieder.  Einen  sprechenderen  Beweis  vollsten  Dertrauens
ihm  zu  geben  war  unmöglich.  Das  eben  ist  das  wahrhaft  welthistorische
Verdienst  Bismarcks,  daß  er  in  der  Entscheidungsstunde  König  Wilhelm
die  Suversicht  und  das  Dertrauen  auf  die  Sukunft  zurückgegeben  hat.
Und  darum  ist  dieser  20.  September  ein  Wendepunkt  der  preußischen  Geschichte
  von  der  höchsten  Bedeutung.  Hier  wurde  jene  wunderbare
pietätvolle  Treue  gepflanzt,  die  bis  ans  Lebensende  den  König  mit  seinem
Minister,  aber  nicht  weniger  auch  den  Minister  mit  seinem  Könige  ohne
Wanken  verbunden  hat.