336  Fünstes  Kapitel.

Gsterreich  auf  die  Stellung  eingegangen,  sich  neben  Deutschland  zu  stellen
—  die  ich  als  die  allein  richtige  betrachte  —  so  wäre  es  gewiß  dazu
gekommen,  Dreußen,  wenn  auch  nur  als  Reichsverweser,  vorläufig  zeitlebens,
  dann  später  vielleicht  erblich,  an  die  Spitze  des  engeren  Deutschland
  zu  stellen.  Doch  hätte  dies  auch  wiederum  von  den  Fürsten  abgehangen,
  da  der  König  nur  von  ihnen,  und  niemals  von  der  Nationalversammlung
  eine  solche  Stellung  annehmen  würde.  —  Käme  eine  solche
Mebeneinanderstellung  Deutschlands  und  Csterreichs  noch  zustande,  so  muß
dahin  gestrebt  werden,  daß  ein  so  enges  Bündnis  zwischen  ihnen  erzielt
wird,  daß  sie  zusammen  nach  außen  als  eins  erscheinen  und  in  Bezug  auf
das  ius  belli  et  pacis  in  das  engste,  untrennbarste  Bündnis  treten.  Eine
gegenseitige  Garantie  des  Besitzstandes,  im  Fall  eines  Angriffs,  wäre
wohl  kein  zu  hoher  Hreis  für  eine  solche  Mebeneinanderstellung!  Daß
Esterreich  seine  besondere  Diplomatie  behält,  erscheint  unter  allen  Umständen
  in  der  Natur  der  Dinge  zu  liegen.

„Wenn  ich  soweit  Deine  Fragen  beantwortet  habe,  so  siehst  Du  doch
ein,  daß  es  eigentlich  noch  zu  früh  war,  zu  antworten,  weil  alles  noch
schwankt.“

Der  Brief  ist  ein  Drogramm:  er  zeigt  die  Grundlinien,  nach  denen
sich  damals  der  Prinz  von  Hreußen  die  Lösung  der  deutschen  Frage
dachte.  Aber  der  Tag  von  Glmütz  kam  und  warf  die  Boffnungen  des
Drinzen  weit  zurück.  Ein  zweites  „Jena“  nannte  er  ihn;  sein  patriotisches
  Ehrgefühl  hat  die  Demütigung,  die  das  Abkommen  über  Hreußen
gebracht  hat,  niemals  überwunden.

Soweit  war  der  Orinz  in  seiner  politischen  Entwickelung  Bismarck
vorausgeeilt:  so  klar  war  er  sich  über  die  Siele  der  Sukunft!  Aber  so
günstig  wirkte  die  Schule  in  Frankfurt  auf  Bismarck  ein,  daß  er  binnen
weniger  Jahre  ebenfalls  den  Standpunkt  des  Hrinzen  erreichte.  Als  ein
warmer  Freund  Ssterreichs,  als  ein  Derteidiger  der  historischen  Vormacht—-stellung
  Gsterreichs  in  Deutschland  war  er  im  Mai  1851  nach  Frankfurt
gekommen.  zZetzt  hatte  er  die  reaktionären  Umtriebe  der  äösterreichischen
pHolitik  unmittelbar  vor  Augen;z  jetzt  sah  er,  daß  ihr  Siel  die  Aufrechterhaltung
  der  Ohnmacht  Deutschlands,  die  sstematische  HRerabwürdigung
Dreußens  war.  Wie  Schuppen  fiel  es  ihm  von  den  Augen:  ins  Herz
fühlte  er  sich  getroffen.  An  die  Stelle  der  vollen  Zingabe  trat  mißtrauische
Beobachtung,  die  schnell  in  kräftige  Abwehr  der  österreichischen  Ubergriffe
und  Hergewaltigungsversuche  überging.  Die  Überzeugung  erwuchs  ihm,
daß  der  Gegensatz  der  beiden  deutschen  Großmächte  nur  mit  dem  Schwerte
zu  lösen  sei.  Mit  scharfem  Wort  gab  er  in  seinen  Berichten  ihr  Aus-