Deutsche  Politik.  337

druck.  Und  nun  in  Koblenz,  so  oft  er  als  Gast  bei  dem  Prinzen  von
Hreußen  weilte,  begegnete  er  der  gleichen  klaren  Überzeugung,  daß  nur
das  preußische  Schwert  den  Übermut  der  österreichischen  Holitik  zu  brechen
und  die  Uhr  des  Jahrhunderts  auf  die  richtige  Stunde  zu  stellen  vermögen
  würde.  Der  Derkehr  mit  dem  Prinzen  machte  ihn  klarer  und
fester  und  gewann  ihm  dessen  Dertrauen.  Damit  wurde  Bismarck  der
rechte  Mann,  um  einen  besonders  ehrenvollen,  ganz  vertraulichen  Auftrag
  des  Königs  Friedrich  Wilhelm  auszuführen.  Der  König  beauftragte
ihn,  da  Dreußens  Holitik  im  Krimkriege  eine  Derstimmung  und  Erkältung
zwischen  dem  Könige  und  seinem  Bruder  herbeigeführt  hatte,  sich  nach
Baden-Baden  zu  dem  Hrinzen  von  Hreußen  zu  begeben  und  einen  freundlichen
  Ausgleich  der  Spannung  herbeizuführen:  ein  Auftrag,  den  er
ebenso  taktvoll  wie  erfolgreich  ausführte.

Mit  stillen  großen  Sukunftsplänen  für  Hreußen  und  Deutschland
trug  sich  der  Hrinz.  Aber  er  meinte,  daß  es  erst  seinem  Sohne  beschieden
  sein  würde,  sie  zur  Ausführung  zu  bringen,  unter  Hreußens
Führung  Deutschland  die  heiß  ersehnte  Einheit  zu  geben.  Wohl  wußte
er,  daß  Hreußen  für  die  Stunde  der  Entscheidung  gewaltige  unberechenbare
  Kräfte  zur  Derfügung  habe,  wenn  es  entschlossen  an  die  Spitze  der
nationalen  Bewegung  sich  stelle.  Darum  sah  er  die  nächste  und  dringendste
Aufgabe  Hreußens  darin,  in  Deutschland  „moralische  Eroberungen“  —
wie  er  es  nannte  —  zu  machen:  aber  wie  wenig  Herständnis  hatte  man
dafür  in  Berlin!  Da  berief  den  Orinzen  die  Erkrankung  seines  königlichen
  Zruders  von  Koblenz  fort.  Aus  der  Stellvertretung  wurde  die
Regentschaft.  Schon  damals  faßte  er  Bismarck  für  das  Ministerium  der
äußeren  Angelegenheiten  ins  Auge:  aber  er  paßte  nicht  in  die  neue
Ara.  Der  sich  im  Kampfe  gegen  Ssterreich  in  Frankfurt  so  erfolgreich
bewährt,  wurde,  als  der  österreichisch=  französische  Konflikt  ausbrach,  im
Januar  1859  als  Botschafter  an  den  sehr  antiösterreichisch  gesinnten  Hof
von  St.  Hetersburg  gesandt,  wo  er  die  freundlichste  Aufnahme  fand.
Das  Ministerium  erhielt  Herr  von  Schleinitz,  der  die  liebenswürdigsten
Depeschen  schrieb  und  es  sorgsam  vermied,  bei  den  fremden  Mächten
irgendwie  anzustoßen.  Aber  auf  dem  Hrogramm  der  neuen  Ara  stand
die  Reform  des  Deutschen  Zundes.  So  mußte  denn  auch  Schleinitz,  der
öffentlichen  Meinung  genug  zu  thun,  die  schwierige  Frage  anregen;  aber
er  that  es,  vorsichtig  die  Empfindlichkeit  Esterreichs  schonend.  Offenbar
auf  die  Weisung  des  Hrinzregenten;  denn  dem  lag  daran,  bis  die  Zeorganisation
  der  Armee  durchgeführt  wäre,  alle  Derwickelungen  zu  vermeiden.

  In  der  Reorganisation  erst  sah  der  Hrinzregent  nicht  nur  die
Kaiser  Wilhelm.  22