Deutsche  Politik.  339

er  war  entschieden,  seinem  Könige  zu  dienen,  wo  es  auch  sei.  Es  schien
auch  einige  Tage  lang,  als  werde  der  König  ihm  den  Vorsitz  des  Mini—
steriums  übertragen.  Aber  das  Ministerium  Hohenlohe  kam  zustande
ohne  Bismarck;  dieser  wurde  vielmehr  als  Botschafter  an  den  Tuilerien=Hof
  versetzt.

Indes  nur  kurze  Zeit  blieb  Bismarck  dort.  Er  hielt  seine  feierliche
Auffahrt  bei  Hofe,  hatte  einige  Tage  später  eine  Privat-Audienz  bei
Kaiser  VNapoleon,  in  der  dieser  sich  sehr  freundlich  über  seine  Verehrung
für  König  Wilhelm  und  sein  Herhältnis  zu  Dreußen  aussprach.  Dann
nahm  Bismarck  Urlaub,  um  auf  Reisen  in  Süd-Frankreich  und  NWord-Spanien
  abzuwarten,  was  ihm  weiter  beschieden  sei.  Seine  Familie  war
überhaupt  auf  dem  Gute  Reinfeld  in  Hommern  zurückgeblieben.

Er  brauchte  nicht  lange  zu  warten.  Schon  um  die  Mitte  des  September
  war  mit  zweifelloser  Deutlichkeit  zu  erkennen,  wie  die  Abstimmung
des  Abgeordnetenhauses  über  die  Reorganisation  und  das  ganze  Budget
ausfallen  würde.  Dann  war  der  Konflikt  zwischen  der  Regierung  und
dem  Hause  da,  dem  Fürst  Hohenlohe  nicht  standhalten  würde.  „Die
Birne  ist  reif!“  telegraphierte  Roon  nach  Daris.  Aber  Bismarck  war
noch  nicht  von  seiner  Urlaubsreise  dorthin  zurückgekehrt.  Als  daher
keine  Antwort  kam,  telegraphierte  er  am  18.  September  nochmals  dorthin:
  „Periculum  in  mora.“  Am  Morgen  des  Tages  war  Bismarck  dort
eingetroffen;  am  nächsten  Morgen  saß  er  schon  wieder  im  Eisenbahnzuge.
In  Frankfurt  am  Abend  begrüßte  ihn  Roon,  der  ihm  voll  Ungeduld
entgegengefahren  war;  und  vereint  machten  sie  nun  die  nächtliche  Fahrt
nach  Berlin,  ohne  ein  Auge  zu  schließen.  Denn  das  drohende  Geschick
des  Daterlandes  bewegte  ihre  Berzen  in  der  Tiefe.  Drei  Tage  später
war  Bismarck  zum  Ministerpräsidenten  ernannt.

Kein  Sweifel,  daß  damit  der  Tag  der  Auseinandersetzung  mit  Esterreich
  nahegerückt  war.  Don  Wichtigkeit  war  es  daher,  daß  der  preußische
Ministerpräsident  diejenigen  beiden  Großmächte,  mit  welchen  Hreußen
bei  einem  Konflikte  mit  Osterreich  vornehmlich  zu  rechnen  hatte,  ihre
inneren  Verhältnisse,  die  maßgebenden  Persönlichkeiten,  die  Umgebung
des  sehr  wohlgesinnten  Zaren  sowohl  wie  des  undurchdringlichen  Fran—
zosenkaisers  aus  eigener  Beobachtung  kannte.  Aber  ungleich  wichtiger
war  es  doch  noch,  daß  er  in  sein  hohes  Amt  eine  unerschütterliche  und
#opferbereite  Königstreue,  die  lauterste  Daterlandsliebe,  weiten  Blick,  reiche
Erfahrung  und  schöpferische  Genialität  in  der  rechten  Auffindung  der
rechten  Mittel  mitbrachte.  Dazu  kam  ein  frischer  Mut  der  Initiative,
eine  durch  nichts  zu  ermüdende  Beharrlichkeit,  eine  oft  geradezu  ver-227

