340  Fünftes  Kapitel.

blüffende  Offenheit  und  eine  ganz  eigenartige  Rednergabe.  Es  war  ein
wahrhaft  heroisches  Bild,  wenn  die  reckenhafte  Gestalt  im  Abgeordnetenhause
  am  Ministertische  sich  erhob  und,  die  Rede  bald  mit  einer  fesselnden
  Frische  des  Ausdrucks,  bald  mit  schlagendem  Dergleiche  belebend,
bald  wieder  zur  packenden  Sentenz  sie  zuspitzend,  mit  wuchtigem,  gedankenschwerem
  Wort  oder  mit  ätzender  Ironie  auf  den  Gegner  eindrang.

Freilich  der  Fortschrittspartei  galt  Bismarck  noch  immer  als  der
„märkische  Junker“;  sie  hatte  keine  Abnung  von  der  tiefgreifenden  Wandlung,
  die  sich  in  Frankfurt  in  ihm  vollzogen;  sie  beurteilte  den  Minister
von  1862  nach  den  Zeden,  die  der  Abgeordnete  des  Dereinigten  Landtags
  gehalten.  „Diesem  Winisterium  keinen  Mann  und  keinen  Groschen!“
war  ihre  Harole.  So  glitten  denn  auch  die  Mahnungen,  die  der  König
an  das  im  Januar  1863  wieder  zusammentretende  Abgeordnetenhaus
richtete,  völlig  wirkungslos  ab.  „Das  Werk  der  Derständigung  ermöglicht
  zu  sehen“,  sagte  er,  „ist  Meinem  HBerzen  ein  Bedürfnis,  Meinem
BHerzen,  dessen  einziges  Derlangen  darauf  gerichtet  ist,  das  Wohl  des
preußischen  Volkes  zu  fördern  und  dem  Lande  die  Stellung  zu  erhalten,
die  eine  glorreiche  Geschichte  durch  treues  Susammengehen  von  König
und  Dolk  demselben  angewiesen  hat.“  Das  Abgeordnetenhaus  verlangte
einen  Minister=  und  Spstemwechsel  und  verwarf,  um  den  König  zu  zwingen,
das  ganze  Budget  für  1863.  Der  König  aber  bielt  fest  an  den  Kronräten
  seiner  Wahl  —  als  Finanzminister  war  Berr  von  Bodelschwingh
eingetreten;  an  Berrn  von  Jagows  Stelle  trat  als  Minister  des  Innern
Graf  Friedrich  Sulenburg,  in  dem  Bismarck  einen  rüstigen  und  unermüdlichen
  Mitstreiter  gewann.  Es  war  ein  Nabinett  von  gleichmäßiger,

streng  konservativer  Richtung,  in  dem  —  nach  dem  treffenden  Scherzworte
  des  Drinzen  Wilhelm  von  Baden  —  der  König  der  liberalste
Mann  war.

Das  Ende  war,  daß  das  Abgeordnetenhaus  aufgelöst  wurde.  Nun
aber  erhob  sich  die  schon  längst  auf  das  äußerste  erregte  fortschrittliche
Dresse  zu  so  zügellosen  Angriffen  auf  Regierung  und  HBerrenhaus,  daß
es  notwendig  schien,  ihren  Verhetzungen  und  Derleumdungen  einen  Sügel
anzulegen.  Am  I.  Juni  erschien  daher  eine  königliche  Derordnung,  welche
die  Oresse  unter  die  Aufsicht  der  VDerwaltung  stellte  und  dieser  das  Recht
gab,  nach  mehrmaliger  Derwarnung  das  Forterscheinen  einer  Seitung  zu
verbieten.  Moch  während  die  Angelegenheit  im  Ministerrate  verhandelt
wurde,  hatte  der  Kronprinz,  eben  erst  aus  dem  Süden  zurückgekehrt,
auf  das  Gefährliche  einer  solchen  Maßregel  hingewiesen  und,  da  er  selbst
zu  einer  militärischen  Inspektion  sich  nach  GOstpreußen  begeben  mußte,