Deutsche  Politik.  347

den  Regierungen  für  den  Vertrag  aus.  Auch  der  in  München  im
Oktober  1862  versammelte  deutsche  Handelstag  nahm  nach  heißer  Debatte
eine  Resolution  des  Inhalts  an,  daß  das  schleunige  Zustandekommen  des
Vertrags  nicht  in  Frage  gestellt  werden  dürfe.  Damit  war  der  Sieg  des
Randelsvertrages  in  der  öffentlichen  Meinung  Deutschlands  vollkommen
entschieden,  und  die  ihm  abgeneigten  Regierungen  sahen  sich  im  eigenen
Lande  durch  die  Vertreter  der  Handels-  und  Fabrikinteressen  sowie  durch
die  allgemeine  Volksstimmung  gedrängt.

Aber  freilich  der  Widerstand  der  Preußen  abgeneigten  Staaten  ruhte
viel  mehr  auf  politischen  als  auf  kommerziellen  Gründen;  mit  Gsterreich
in  nähere  Derbindung  zu  kommen,  war  ihr  Siel.  Hreußen  begegnete
dem  durch  die  Erklärung,  die  es  zunächst  an  die  süddeutschen  Königreiche
richtete,  daß  es  eine  Ablehnung  des  französischen  Dertrages  als  den  Ausdruck
  des  Willens  auffassen  müsse,  den  Sollverein  mit  Hreußen  nicht
fortzusetzen:  eine  Entschiedenheit,  deren  volle  Billigung  das  Abgeordnetenhaus
  trotz  seines  Konfliktes  mit  der  Regierung  mit  255  gegen  26  Stimmen
aussprach.  Uberhaupt  blieb  Hreußen  dabei  stehen,  daß  es  die  Sicherung
des  Sollvereins  als  die  Doraussetzung  für  alle  Derhandlungen  mit  GEsterreich
  ansähe.  Nach  Alöglichkeit  verzögerten  die  widerstrebenden  Staaten
ihre  Antwort  und  verschleppten  die  Derhandlungen.  Allmählich  indes
trat  einer  nach  dem  andern  zu  Hreußen  über,  bis  endlich  als  die  letzten
—  am  I2.  Oktober  1864  —  auch  Bapern,  Württemberg,  Bessen-Darmstadt
und  Nassau  folgten.  Damit  war  der  Sollverein  auf  Grund  des  deutschfranzösischen
  Handelsvertrages  auf  fernere  12  Jahre  erneuert,  sein  Eintritt
  in  das  System  der  westeuropäischen  Derträge  vollendet.  Drei  Jahre
lang  hatte  der  Kampf  die  öffentliche  Meinung  beschäftigt  und  Diplomaten
und  Hresse  in  Atem  erhalten.  Jetzt  war  er  glücklich  zu  Ende  geführt.
Hreußen  hatte  gesiegt,  weil  es  sich  auf  die  aufgeklärte  Überzeugung  des
preußischen  und  deutschen  Dolkes  stützte  und  in  ÜUbereinstimmung  mit  der
öffentlichen  Akeinung  befand.  Dagegen  war  der  cbochfliegende  Plan
Gsterreichs  auf  Berstellung  des  Siebzig-Millionen-Reiches  in  weitere  Ferne
denn  je  gerückt.  Die  Macht  der  Kabinette  hatte  dem  Kaiserstaate  nicht
mehr  zum  Siege  zu  verhelfen  vermocht;  man  begriff,  daß  die  gerade  von
Gsterreich  so  lange  verachtete  und  unterdrückte  öffentliche  Meinung  eine
Macht  geworden  war,  und  das  deutsche  Volk  lernte  wieder  einmal,  daß
es  von  Esterreich  nichts  zu  erwarten  habe.

Auf  die  zeitweilig  während  dieser  Derhandlungen.,  hervortretende
Verstimmung  Ssterreichs  hatte  Hreußen  durch  die  Anerkennung  des
Königreichs  Italien  geantwortet,  was  sofort  die  freundlichsten  Beziellungen