348  Fünftes  Kapitel.

mit  dem  neu  erstandenen  Reiche  zur  Folge  hatte.  Auch  die  alte  Freund—
schaft  mit  Rußland  bestand  ohne  Wanken.  Durch  die  „Punktation“  vom
8.  Februar  1865  verband  sich  Preußen  mit  dem  Zarenreiche  zur  Unterdrückung
  des  damals  eben  ausgebrochenen  polnischen  Aufstandes  durch
gemeinsame  Maßregeln.  Endlich  waren  auch  die  guten  Beziehungen  zu
Frankreich  durch  den  Handelsvertrag  nur  noch  befestigt  worden.  So  war
die  Stellung  Preußens  so  günstig,  wie  sie  nur  sein  konnte.  Zu  allen
Großmächten  des  Kontinents  stand  es  in  dem  freundlichsten  Verhältnis.
Seine  Widersacher  hatte  es,  Gsterreich  voran,  nur  in  Deutschland.  Was  ließ
sich  da  für  die  Rohen  Jdeen  König  Wilbelms  von  einer  naturgemäßen
eugestaltung  der  Derhältnisse  des  Deutschen  Bundes  für  ein  Erfolg  erwartend

Durch  offene  Aussprache  suchte  Bismarck,  mit  seinem  königlichen
Berrn  darin  sich  völlig  eins  wissend,  den  Boden  zu  ebenen.  Er  führte
(am  4.  Dezember  1862)  dem  Grafen  Karolvi,  dem  österreichischen  Botschafter
  in  Berlin,  eindringlich  zu  Gemüte,  daß,  wenn  Gsterreich  fortfahre,
in  den  in  der  Machtsphäre  Hreußens  liegenden  deutschen  Staaten  einen
zur  Opposition  gegen  Hreußen  aufstachelnden  Einfluß  mit  Erfolg  geltend
zu  machen,  es  sich  dadurch  die  Sympathie  Hreußens  entfremden  würde.
Demnach  sei  es  „ein  gefährlicher  Irrtum“  für  Gsterreich  anzunehmen,
daß  in  einem  für  Esterreich  gefährlichen  Kriege  unter  allen  Umständen
die  beiden  deutschen  Großmächte  sich  als  Zundesgenossen  finden  würden.
Hielmehr  sei,  sollten  die  Derhältnisse  beider  Staaten  sich  nicht  bessern,  ein
Bündnis  Hreußens  mit  einem  Gegner  Ssterreichs  ebenso  wenig  ausgeschlossen,
  wie  im  entgegengesetzten  Falle  eine  treue  und  feste  Derbindung
beider  Mächte  gegen  gemeinschaftliche  Feinde.  Esterreich  habe  also  die
Wabl,  seine  gegenwärtige  antipreußische  Holitik  mit  dem  Stützpunkte  einer
mittelstaatlichen  Koalition  fortzusetzen  oder  eine  ehrliche  Derbindung  mit
Dreußen  zu  suchen.  Diese  aber  könne  nur  durch  das  Aufgeben  der
Hreußen  feindlichen  Thätigkeit  Gsterreichs  an  den  deutschen  Böfen  gewonnen
  werden.  Die  ganze  Behandlungsweise  Hreußens  von  seiten  des
Wiener  Kabinetts  scheine  auf  der  Doraussetzung  zu  beruhen,  daß  Hreußen
mehr  als  irgend  ein  anderer  Staat  auswärtigen  Angriffen  ausgesetzt  sei,
gegen  welche  es  fremder  Hilfe  bedürfe,  und  daß  es  sich  deshalb  von
seiten  der  Staaten,  von  denen  es  solche  Rilfe  erwarten  könne,  eine  rücksichtslose
  Behandlung  gefallen  lassen  müsse.  Die  Aufgabe  einer  preußischen
Regierung,  der  die  Interessen  des  königlichen  Hauses  und  des  eigenen
Landes  am  Herxzen  liege,  werde  es  daher  sein,  das  Irrtümliche  jener
Doraussetzung  durch  die  That  nachzuweisen,  wenn  man  ihren  Worten
und  Wünschen  keine  Beachtung  schenke.