350  Fünftes  Kapitel.

„Nur  in  einer  Vertretung“,  erklärte  Preußen  bei  der  Abstimmung,
„welche  nach  Maßgabe  der  Bevölkerung  jedes  Bundesstaates  aus  letzterer
durch  unmittelbare  Wahl  hervorgeht,  kann  die  deutsche  Nation  das  be—
rechtigte  Organ  ihrer  Einwirkung  auf  die  gemeinsamen  Angelegenheiten
finden.“  Ein  deutsches  Harlament  stellte  es  jenem  untauglichen  Delegierten—
projekt  entgegen!  Es  war  das  erste  Mal,  daß  hier  die  preußische  Regierung
  mit  voller  Sustimmung  König  Wilhelms  die  Losung  eines  deutschen
Darlaments  ausgab!  Das  war  es  doch  gerade,  was  seit  1850  die
Deutschen  auf  allen  Sänger-,  Schützen-,  Turnerfesten,  und  allen  voran
der  Nationalverein,  verlangt  hatten.  Man  hätte  meinen  sollen,  daß  nun
ganz  Deutschland  in  beller  Freude  dem  preußischen  Antrage  zugejubelt
hätte;  denn  wie  in  der  Sollvereins-Krisis  stützte  sich  auch  hier  Hreußen
auf  das,  was  die  öffentliche  Meinung  verlangte.  Aber  so  sehr  verwirrte
auch  außerhalb  Hreußens  der  preußische  Konflikt  das  Urteil  der  großen
Menge,  daß  sie  nur  mit  ungläubiger  Derwunderung,  ja  vielfach  wie  einen
unpassenden  Scherz  mit  Gespött  den  großen  Gedanken  Hreußens  aufnahm.

Esterreich  allein  erfaßte  ihn  in  seiner  weittragenden  Bedeutung:  nur
durch  ein  Drojekt  im  größten  Stil  glaubte  die  österreichische  Regierung
ihn  überbieten  zu  können.

Die  Ärzte  hatten  König  Wilhelm  zur  Kur  nach  Karlsbad  geschickt.
Zur  Nachkur  begab  er  sich  gegen  Ende  Juli,  von  Bismarck  begleitet,
nach  Gastein,  dem  herrlich  grünen  Alpenthal,  das  die  Ache  wie  in  einem
„rasenden  Walzer“  durchrauscht.  Am  2.  August  traf  dort  auch  Kaiser
Franz  Joseph  von  Esterreich  ein  und  teilte  noch  an  demselben  Tage
König  Wilhelm  seine  Absicht  mit,  zur  Beratung  und  Entscheidung  über
eine  neue  deutsche  Bundesverfassung  einen  deutschen  Fürstentag  nach
Frankfurt  einzuladen.  Noch  eingebender  sprach  er  am  folgenden  Tage
sich  dahin  aus,  daß  die  Grundlagen  seines  Reformplanes  ein  Bundesdirektorium
  von  fünf  Köpfen  wären  sowie  die  periodische  Berufung  einer
Dersammlung  von  Abgeordneten  der  Kammern  der  Einzelstaaten.  Su--gleich
  übergab  er  ihm  eine  Denkschrift  der  Wiener  HBofkanzlei,  welche
über  die  Einzelheiten  des  Hrogramms  Aufschluß  geben  sollte.  Auch  mit
Bismarck  hatte  der  Kaiser  an  beiden  Tagen  eingehende  Besprechungen
über  seinen  Hlan.

Mit  rückhaltsloser  Offenheit  sprach  König  Wilhelm  dem  Kaiser  die
Bedenken  aus,  die  er  gegen  das  Reformprojekt  hegte.  Allein  sie  machten
wenig  Eindruck;  erst  im  Moment  der  Abreise  richtete  er  die  Bitte  an
den  König,  diese  Bedenken  ihm  schriftlich  zufertigen  zu  lassen.  Mehrere
Stunden  später  —  am  Spätabend  des  3.  August  —  überbrachte  zu  des