Deutsche  Holitik.  353

daß  auch  der  Hreußenkönig  wohl  doch  noch  sich  entschließen  würde  zu
kommen.

Der  Hlan  Esterreichs  ging  dahin,  daß  der  Deutsche  Zund  künftig
von  einem  Direktorium,  bestehend  aus  Esterreich,  Dreußen,  Bapern  und
zwei  von  den  Fürsten  gewählten  Mitgliedern,  geleitet  werden  solle.  Daneben
  sollte  ein  Bundesrat  bestehen,  in  dem  Esterreich  wie  Hreußen  je
drei  Stimmen  führen  sollten;  doch  nahm  Esterreich  im  Direktorium  wie
im  Bundesrat  den  Vorsitz  für  sich  in  Anspruch.  Endlich  sollten  alle
drei  Jahre  Delegierte  der  Landtage  in  öffentlicher  Dersammlung  zusammentreten,
  über  deren  Beschlüsse  indes  den  Konferenzen  der  Fürsten
die  Entscheidung  zustehen  sollte.  Auch  ein  Bundesgericht  war  in  Aussicht
  genommen.  Und  für  dies  Entgegenkommen  Esterreichs  sollte
der  Deutsche  Bund  als  Gegenleistung  die  Bürgschaft  für  den  Gesamtbesitzstand
  Gsterreichs  übernehmen!  Bismarck  hatte  doch  wohl  so  unrecht
  nicht,  wenn  er  seiner  Frau  von  den  „Frankfurter  Windbeuteleien“
schrieb.

Bevor  nun  der  Fürstentag  in  die  Beratung  über  diesen  Reformplan
Esterreichs  eintrat,  beantragte  König  Wilhelms  Meffe,  der  Großherzog
Friedrich  Franz  II.  von  Mecklenburg  =  Schwerin,  den  jetzt  in  Baden-Baden
  weilenden  König  von  Hreußen  nochmals  zur  Teilnahme  an  den
Verhandlungen  einzuladen,  da  es  unangemessen  sei,  ohne  Hreußen  etwas
zu  unternehmen.  Die  andern  Fürsten  stimmten  zu,  und  König  Johann
von  Sachsen  übernahm  es,  die  Gesamteinladung  des  Fürstentages  an
König  Wilbelm  persönlich  zu  überbringen.  Auch  der  Kaiser  Franz  Joseph
  war  damit  einverstanden,  jedoch  nur  mit  dem  Vorbehalt,  daß  auch
für  den  Fall  der  Ablehnung  die  Fürsten  das  Derfassungswerk  in  kürzester
Frist  fertigzustellen  Hätten:  man  könne  ja  Hreußen  den  nachträglichen
Beitritt  offenlassen.  Ihn  beherrschte  durchaus  die  Empfindung,  daß  auch
dieser  Dersuch  der  Fürsten,  Dreußen  zu  gewinnen,  ohne  Erfolg  sein  würde.

Indessen  dreißig  Fürsten  als  Einlader,  ein  König  als  Kabinettskurier!
  König  Wilhelm  hatte  wirklich  einen  Moment  das  Gefühl,  daß
er  bei  seiner  ablehnenden  Haltung  nicht  mehr  beharren  könnte.  Alllein,
wie  stets  bei  ihm,  überwand  die  ruhige  Erwägung  bald  das  erste  Empfinden.
  Jedoch  die  begreifliche  Aufregung  machte  ihn  nervös,  und  als
er  den  König  Johann  empfing,  befand  er  sich  sellr  unwohl.  Er  bezeugte
seinem  hohen  Gaste  die  lebhafte  Neigung,  die  er  empfände,  nach  Frankfurt
  zu  kommen,  aber  er  legte  ihm  auch  alle  die  Gründe  dar,  die  ihn
davon  abbielten.  In  einem  eigenbändigen  Schreiben  an  den  Kaiser

Franz  Joseph,  das  der  König  von  Sachsen  mit  sich  nahm,  gab  er  seine
HKaiser  Wilhelm.  23