370  Sechstes  Kapitel.

Wohnung  nehmen  konnte.  Auch  für  den  König  konnte  darin  nur  eine
dürftige  Unterkunft  geschafft  werden.  Allein  diesem  lag  nur  daran,  seine
braven  Soldaten  zu  sehen.  In  der  großen  Koppel  dicht  hinter  dem
Schlosse  nahm  er  die  Harade  über  die  in  den  nächsten  Dörfern  untergebrachten
  Düppel-Sieger  ab.  Das  war  nicht  eine  prunkvolle  Schaustellung,
  sondern  ein  Abglanz  des  ruhmvollen  Kampfes  und  Sieges.  In
demselben  Anzuge,  den  sie  bei  dem  Sturm  getragen,  ließ  der  König  die
Bataillone  antreten  und  unter  den  Klängen  des  Düppel-WMarsches,  in  dem
Diefke,  der  Stabsboboist  des  Leib-Grenadierregiments,  getreu  die  Wucht
des  Ansturms  und  den  Jubel  des  Sieges  zusammengefaßt  hatte,  in  derselben
  Ordnung,  wie  sie  zum  Sturm  vorgegangen  waren,  den  Dorbeimarsch
  machen.  Dann  trat  er  in  den  Kreis,  den  die  Generale  und
Offiziere  mit  den  dekorierten  Unteroffizieren  und  Gemeinen  um  ihn  bildeten.
  „Meine  Herren“,  redete  er  mit  erhobener  Stimme  sie  an;  „ich
bin  hierber  gekommen,  um  der  tapferen  Armee  persönlich  meinen  herzlichen
  Dank  auszusprechen  für  die  außerordentlichen  Leistungen,  für  die
bewundernswerte  Ausdauer  bei  den  gehabten  unendlich  großen  Strapazen,
für  die  umsichtige,  vorzügliche  Führung  der  Truppen,  für  den  großen
herrlichen  Sieg.  Gern  wäre  ich  in  diesem  Feldzuge  mitten  unter  Ihnen
gewesen,  leider  aber  gestattete  dies  zur  Seit  die  Stellung,  die  ich  jetzt
einzunebmen  berufen  bin,  nicht;  andere  Herhältnisse  bedingen  meine  Abwesenheit
  von  den  im  Felde  stehenden  Truppen,  und  dies  —  ich  versichere
  Ihnen  das  —  thut  meinem  Soldatenberzen  wehe.  Sie  haben  die
Augen  von  ganz  Europa  auf  sich  gezogen  und  überall,  wo  man  hinhört,
das  größte  Lob  eingeerntet.  Das  ist  die  Frucht  des  guten  Geistes,  der,
wie  allbekannt,  die  ganze  preußische  Armee  beseelt  und  gewiß  nie  in
derselben  erlöschen  wird.  Den  Sturmkolonnen  werde  ich  für  die  im
höchsten  Maße  bewiesene  Bravour  und  Unerschrockenheit,  mit  welcher
sie  den  großartigen  Sieg  herbeiführten,  ein  ganz  besonderes  Denkzeichen
verleihen.  Adieu,  meine  Berren!  Teilen  Sie  allen  Mannschaften  meine
allerhöchste  Anerkennung  mit  und  sagen  Sie  ihnen  meinen  königlichen
Dank!“

Es  war  die  Dügppel-WMedaille,  welche  der  König  prägen  ließ  und
allen,  die  an  dem  Sturme  teilgenommen,  als  Erinnerungszeichen  verlieh.

Von  Gravenstein  aus  besichtigte  der  König  die  eroberten  Schanzen.
Klarer  als  aus  allen  Berichten  sprang  es  hier,  wenn  man  die  steile
Böschung  der  Erdwerke  hinabsah  oder  auf  das  breite  Sturmfeld  davor
den  Blick  richtete,  in  die  Augen,  welche  Tapferkeit  und  Todesverachtung,
aber  auch  welche  Sucht  und  Disziplin  dazu  gehört  hatten,  um  diese