Die  Befreiung  Schleswig-Rolsteins.  377

für  den  so  ruhmreich  durchgeführten  Feldzug  zu  bewilligen,  und  verwarf,
durch  den  Krieg  auch  jetzt  noch  nicht  hinlänglich  belehrt,  nochmals  den
Flottengründungsplan,  den  Roon  ihm  vorlegte:  aber  die  öffentliche
Meinung  entschied  anders.  Am  17.  Dezember  hielten  die  aus  Schleswig
zurückkehrenden  Truppen  ihren  Siegeseinzug  in  Berlin.  Am  Abend  war
Festvorstellung  im  Opernhause.  „Ein  Feldlager  in  Schlesien“  wurde  gegeben.
  Don  der  Bühne  ertönte  der  kriegerische  Chor:  „Für  unsern
König  Gut  und  Blut!“  Da  erhob  sich  ein  jubelnder  Beifallssturm;  das
ganze  Hublikum,  Herren  und  Damen,  stand  auf  und  wandte  sich  der
königlichen  Loge  zuz;  von  begeisterten  Rochrufen  erbrauste  das  ganze  Haus.
Der  König  erhob  sich,  und  lächelnd  sich  über  die  Brüstung  der  Loge
verneigend,  dankte  er  für  die  jubelnde  Kuldigung,  die  an  diesem  Ehrentage
  seiner  Truppen  ihm  dargebracht  wurde.

Um  so  mehr  hielt  er  auch  an  der  Uberzeugung  fest,  daß  auch  das
Abgeordnetenhaus  die  Notwendigkeit  der  dreijährigen  Dienstzeit  —  des
alten  Streitpunktes  —  wenn  sie  ihm  nur  recht  vorgestellt  würde,  trotz
allem  doch  noch  einsehen  würde.  Und  hatten  denn  nicht  die  kriegerischen
Ereignisse  des  Jahres  1864  die  neue  Beereseinrichtung  glänzend  bewährt?
Darum  ergriff  König  Wilhelm  selbst  nochmals  die  Feder,  um  die  gegen
die  Reorganisation  der  Armee,  zumal  gegen  die  dreijährige  Dienstzeit
gerichteten  Angriffe  zu  entkräften.  Er  ließ  eine  Hofjagd  absagen  und
blieb  fast  den  ganzen  Tag  in  seinem  Arbeitszimmer  allein.  So  entstand
die  Denkschrift  „Im  Januar  1865“,  acht  eng  geschriebene  Folioseiten
lang.  Sie  wurde  nicht  gedruckt,  sondern  nur  handschriftlich  mehreren
Generalen  mitgeteilt,  besonders  dem  Kriegsminister,  um  ihre  Gedanken
in  der  Kammerdebatte  zu  verwerten.

„Die  Bekämpfung“,  beginnt  der  königliche  Derfasser  —  „der  trügerischen
  Auffassungen  und  Schlußziehungen  der  oppositionellen  Harteien
im  Landtage,  wie  dieselben  sie  in  den  Dreßorganen  als  Erfahrungen  des
letzten  Krieges  hinstellen,  um  die  Armeereorganisation  als  überflüssig  darzustellen
  und  die  Rückkehr  zu  der  alten  Organisation  zu  empfehlen  —
verlangt  eine  sehr  eingehende  und  scharf  accentuierte  Analvse  jener
Trugschlüsse.  Diese  Analvse  muß  sehr  durchdacht  sein,  weil  die  Massen
durch  jene  CTrugschlüsse  nur  zu  leicht  verführt  werden  können.

„Die  Opposition  stellt  drei  Hauptsätze  auf:

1.  Die  Erfahrung  habe  gelehrt,  daß  die  dreijährige  Dienstzeit  überflüssig
  ist,  da  die  ein=  und  zweijährigen,  ja  nur  wenige  Monate  erst
dienenden  Soldaten  sich  ebenso  gut  geschlagen  hätten,  wie  die  älteren
Mannschaften;