382  Sechstes  Kapitel.

Es  war  der  Gedanke  Bismarcks  gewesen,  den  inneren  Frieden  in
den  Herzogtümern  dadurch  herzustellen,  daß  er  durch  eine  Geldzahlung
Osterreich  zur  Abtretung  seines  Mitbesitzrechtes  an  Preußen  bestimme.
Allein  Graf  Mensdorff  hatte,  obgleich  Osterreich  in  den  größten  finanziellen
  Bedrängnissen  sich  befand,  mit  auffallender  Entschiedenheit  den
Gedanken  zurückgewiesen.  Denn  durch  ein  Bündnis  mit  Frankreich  hoffte
er  es  in  seinem  Gegensatze  zu  Preußen  zu  stärken.  Graf  Metternich,  der
Botschafter  Gsterreichs  am  Tuilerien-Hofe,  gab  sich  auch  alle  Mühe,  in
der  Stille  dies  Siel  zu  erreichen.  Indes  die  Hoffnung  verwirklichte  sich
nicht:  Kaiser  Mapoleon  war  nicht  zu  bewegen,  das  Entgegenkommen  zu
erwidern.  Das  legte  Esterreich  nun  freilich  den  Wunsch  nahe,  es  nicht
zum  Bruche  mit  Dreußen  kommen  zu  lassen:  wenn  dies  nur  etwas  nachgiebiger
  gewesen  wäre!  Aber  König  Wilhelm  fand  die  Derhältnisse  in
den  Berzogtümern  je  länger,  um  so  unerträglicher.  Er  hatte  die  Kur,
welche  die  Arzte  ihm  auferlegt  hatten,  in  Karlsbad  beendigt  und  stand
im  Begriffe,  sich  zur  Tachkur  nach  Gastein  zu  begeben.  Unterwegs,  auf
der  Reise  dorthin,  versammelte  er  den  Ministerrat,  zu  dem  auch  die  Botschafter
  aus  Wien  und  Haris  beschieden  waren,  in  Regensburg  am
21.  Juli  um  sich;  der  Beschluß  war,  daß  Hreußen  auf  seinen  Forderungen
beharren  müsse.  Der  König  glaubte  das  der  Ehre  Hreußens  schuldig
zu  sein.  ·

UndinOsterreichüberwogdoch,alsdaspreußischeUltimatumin
Wien  eintraf,  die  Neigung  zum  Frieden.  Graf  Blome,  der  österreichische
Gesandte  in  München,  ein  geborener  Holsteiner,  fand  einen  Ausweg,
der  sich  gangbar  erwies.  Er  schlug  vor,  die  Herzogtümer  zwischen  die
beiden  Besitzer  zu  teilen.  Man  beschloß  in  Wien,  in  Ausführung
dieses  Gedankens,  Hreußen  eine  vorläufige  Teilung  der  Derwaltung
unter  Vorbehalt  der  gemeinsamen  Souveränität  in  beiden  Berzogtümern
anzutragen;  und  der  Kaiser  richtete  ein  sehr  warm  gehaltenes  Randschreiben
  an  König  Wilhelm  nach  Gastein,  um  ihn  für  diesen  Dorschlag
zu  gewinnen.  Graf  Blome,  mit  der  Führung  der  Derhandlungen  betraut,
  überbrachte  es  dem  Uönige  und  vereinbarte  mit  Bismarck  in
dreitägiger  Unterhandlung  alle  Einzelbeiten.  Am  14.  August  unterzeichneten
  beide  Staatsmänner  den  Dertrag  von  Gastein.  Danach
sollten  die  Rechte,  welche  die  beiden  Mächte  im  Wiener  Frieden  erworben
  hatten,  für  Bolstein  auf  GEsterreich,  für  Schleswig  auf  Hreußen
übergehen,  „unbeschadet  der  Fortdauer  dieser  Rechte  beider  Mächte  an
der  Gesamtheit  der  beiden  Herzogtümer.“  Hreußen  erhielt  jedoch  in
Holstein  zwei  Stappenstraßen  und  zwei  Telegraphendrähte  sowie  preußi-