384  Sechstes  Kapitel.

des  früheren  Ministerpräsidenten;  österreichischer  Gouverneur  in  Holstein
wurde  Gablenz.

Höchst  niederschlagend  wirkte  die  Kunde  von  dem  Vertrage  auf  den
Herzog  von  Augustenburg;  denn  er  machte  den  Thronprätendenten  wieder
zum  schlichten  Privatmann.  Zum  Einlenken  war  es  jetzt  zu  spät.  Aber
nicht  weniger  bedrückte  das  Gasteiner  Abkommen  den  Bundestag;  er
entzog  sich  allen  Schwierigkeiten,  indem  er  mit  dem  Ende  des  Monats
August  in  die  Ferien  ging.  Zwar  in  den  deutschen  Mittelstaaten,  denen
der  Vertrag  alle  Wichtigkeit  nahm,  war  man  voll  Unmuts,  und  der  Ab—
geordnetentag  in  Frankfurt  hallte  von  Entrüstung  wider:  aber  wieder
einmal  ward  es  klar,  daß,  wenn  die  deutschen  Großmächte  einig  waren,
niemand  gegen  ihre  Entscheidung  aufkommen  konnte.

In  Wahrheit  indes  war  durch  den  Gasteiner  Vertrag,  wie  Bismarck
wohl  erkannte,  „der  Frieden  nur  geflickt  und  der  Riß  im  Bau  nur  verklebt.“
  Denn  der  Gegensatz  zwischen  Hreußen  und  sterreich  hatte  viel
tiefere  Wurzeln  als  die  Differenzen  über  die  Elbherzogtümer;  in  der
Stellung  beider  Mächte  in  und  zu  Deutschland  lag  der  wahre  Grund.
Und  der  Tag  mußte  kommen,  an  dem  eine  Auseinandersetzung  darüber
zwischen  ihnen  unvermeidlich  war.  Von  dieser  Überzeugung  war  der
König  ebenso  sehr  wie  sein  Ministerpräsident  durchdrungen  und  beide
gleichmäßig  darauf  bedacht,  die  Stellung  Preußens  zu  den  übrigen
Großmächten  dementsprechend  zu  erhalten.  Böchst  empfindlich  berührte
es  den  Hönig  daher,  daß  die  französische  Regierung  am  20.  August  ein
Rundschreiben  an  ihre  Gesandten,  das  indes  auch  in  die  Seitungen  gelangte,
  erließ,  in  wolchem  der  Gasteiner  Vertrag  als  ein  gewaltthätiger
Willkürakt  der  Teilungsmächte  gebrandmarkt  wurde.  Nur  mit  Widerstreben
  gab  er  daher  dem  Grafen  Bismarck  die  Erlaubnis,  durch  persönliche
  Zesprechung  mit  dem  Kaiser  Napoleon  diese  Trübung  der
freundlichen  Beziehungen  Dreußens  zu  Frankreich  zu  beseitigen.  Geschehen
mußte  indessen  etwas,  da  dieser  Angriff  der  französischen  Regierung
sachlich  völlig  unbegründet  war.  Und  Bismarck  hatte  denn  auch  die
Genugthuung,  seinem  königlichen  Herrn  berichten  zu  können,  nachdem  er
Mapoleon  in  Biarritz  gesprochen,  daß  der  Kaiser  durch  einen  Erlaß  an
den  französischen  Botschafter  in  Berlin  das  Rundschreiben  der  Hauptsache
nach  zurücknahm.  Sehr  wesentlich  wirkte  darauf  der  Umstand  ein,  daß
Bismarck  Mapoleons  Frage,  ob  Oreußen  etwa  Osterreich  zur  Entschädigung
  für  den  Gasteiner  Dertrag  Denetien  garantiert  habe,  mit
aller  Bestimmtheit  verneinen  konnte.  In  Csterreich  freilich  legte  man
diese  Reise  des  preußischen  Müinisterpräsidenten  nach  Biarritz  als  eine