386  Sechstes  Kapitel.

einen  Ministerrat  in  Berlin,  um  die  Situation  zu  erwägen.  Der  Beschluß
  desselben  ging  dahin,  daß  es  mit  der  Ehre  Preußens  unverträglich
  sei,  in  der  Angelegenheit  der  Elbherzogtümer  sich  vor  Esterreich
zu  beugen,  daß  indes  noch  jetzt  ein  Anlaß  zur  Mobilmachung  nicht
vorläge.

Anders  jedoch  sah  man  in  Esterreich  die  Sachlage  an.  Am  10.  März
hielt  der  Kaiser  Franz  Joseph  in  Wien  Kriegsrat.  Hier  erfüllte  alle  die
Suversicht,  daß  Hreußen,  wenn  es  Ernst  sähe,  sich  doch  beugen  würde.
Sofort  begann  man  daher  mit  militärischen  Dorbereitungen  und  Truppenansammlungen
  an  der  preußischen  Grenze  in  Böhmen  und  Mähren.
Sugleich  hoffte  Gsterreich  den  Bundestag  mit  fortzureißen.  Dertraulich
sprach  es  am  16.  März  den  ihm  befreundeten  deutschen  Regierungen  die
Erwartung  aus,  daß  sie,  falls  es  zum  Bruche  mit  Hreußen  käme,  für
Mobilmachung  der  Bundeskontingente  und  für  Bundesexekution  stimmen
würden.

So  erschien  mit  düsteren  Wolken  der  Bimmel  Hreußens  umzogen,
als  in  diesen  Tagen  König  Wilbelm  sein  siebzigstes  Lebensjahr  antrat.
Da  war  es  denn  ein  heller  Sonnenstrahl  für  ihn,  wie  am  Geburtstagsmorgen
  die  jüngsten  Hohenzollern  dem  greisen  Haupte  der  FSamilie  ihre
Glückwünsche  darbrachten.  Sie  waren  alle  gekommen,  die  fröhlich  heranwackhsenden
  Enkel,  von  den  kronprinzlichen  Sltern  geleitet,  der  verständige
Orinz  Wilhelm,  der  herzige  Beinrich,  die  liebliche  TCharlotte  und  der
kleine  Sigismund,  der,  obwohl  noch  nicht  ganz  sicher  auf  den  Füßen
(geboren  am  15.  September  1864),  sich  etwas  vordrängte,  um  ja  zuerst
dem  lieben  Großvater  sein  Sträußchen  darzubieten.  Wer  mochte  abnen,
daß  nach  drei  Monaten  schon  der  lebensfrische  Hrinz  in  der  Fürstengruft
der  Friedenskirche  ruhen  würde.  ·

Gegenüber  den  Umtrieben  österreichs  richtete  Ende  März  auch  Preußen
seinerseits  die  Anfrage  an  die  deutschen  Regierungen,  „ob  und  in  welchem
Maße  es  auf  deren  Unterstützung  in  dem  Falle  rechnen  könne,  wenn  es  von
Gsterreich  angegriffen  oder  durch  unzweideutige  Drohungen  zum  Kriege  genötigt
  werde“.  SZugleich  brachte  es  wiederum  die  so  notwendige  Bundesreform
  in  Anregung.  Allein  die  Antworten,  die  es  erhielt,  lauteten  meist
ausweichend;  manche  blieben  auch  ganz  aus.  Das  war  deutlich  genug.
Oreußen  zögerte  daher  jetzt  nicht  länger,  mit  Jtalien  ein  Schutz=  und
Trutzbündnis  auf  die  Dauer  von  drei  Monaten  abzuschließen,  in  dem  sich
Italien  die  Erwerbung  von  Denetien,  Hreußen  die  einer  mindestens  ebenso
großen  Gebietserweiterung  ausbedang.  Das  Ob  und  Wann  der  Kriegseröffnung
  war  darin  ausschließlich  in  Hreußens  RKand  gelegt.  Als  Kriegs--