390  Siebentes  Kapitel.

„auf  den  Boden  des  Wiener  Friedens“.  Demgemäß  kündigte  Manteuffel
dem  österreichischen  Gouverneur  an,  daß  er  wieder  in  Holstein  einrücken.
würde,  um  es  gemeinsam  mit  GEsterreich  zu  besetzen,  indem  er  Gablenz
anheimgab,  in  der  gleichen  Weise  in  Schleswig  zu  verfahren.  Das  bedeutete
  noch  nicht  den  Krieg;  aber  die  Gewitterschwüle  der  ganzen  politischen
  Atmosphäre  deutete  doch  auf  einen  nahen  Losbruch  des  Wetters.
Mit  beklommenem  Sagen  saben  in  Hreußen  nicht  wenige  ihm  entgegen.
Hreußen  gegen  Gsterreich,  gegen  Deutschland!  Der  Gedanke  eines  „Bruderkrieges“
  war  ihnen  unfaßbar,  weil  sie  die  zwingenden  Gründe  nicht  verstanden.
  Klarer  als  König  Wilhelm  selbst  hat  sich  niemand  über  diese
ausgesprochen,  als  er  am  4.  Juni  dem  Erzbischof  Melchers  von  Köln
auf  dessen  Bitte  antwortete,  „die  Schrecken  eines  deutschen  Bruderkrieges,
dessen  Ausgang  außer  aller  menschlichen  Berechnung  liege,  von  dem
teuren  Daterlande  fernzuhalten,  wenn  es  immer  noch  möglich  sei.“

„Der  Ernst  der  Seit“  —  schrieb  der  König  —  „hat  Ihnen  den
Wunsch  eingegeben,  sich  offen  gegen  Mich  auszusprechen,  und  das  ist
Mir  sehr  erwünscht  gewesen.  Sbenso  offen  werde  Ich  Ihnen  nun  antworten.


„Ich  weiß,  daß  in  weiten  Kreisen  der  wahrscheinlich  bevorstehende
Krieg  in  seinen  Ursachen  nicht  begriffen  wird,  teils  weil  diese  nicht  handgreiflich
  einem  jeden  vor  Augen  liegen,  teils  weil  nach  50  Friedensjahren,
  der  größten  und  höchsten  Wohlfahrt  der  Bevölkerung,  man  sich
des  Gedankens  entwöhnt  hatte,  daß  alle  die  gewonnenen  Güter  zeitweise
  einem  höheren  Sweck  geopfert  werden  müßten.  Diese  Unklarheit
über  die  Ursachen  zum  Kriege  wurzelt  aber  außerdem  noch  in  den
Tendenzen  der  Umsturzpartei  oder  Fortschrittspartei,  welche  seit  Jahren
Müißtrauen  gegen  Mich  und  Meine  Regierung  säet,  um  zu  ihrem  Zwecke,
d.  h.  der  Schwächung  und  zuletzt  der  Dernichtung  der  menarchischen
Macht  zu  gelangen;  diese  Hartei  benutzt  die  Gegenwart,  um  die  Unklarheit
  der  politischen  Lage  Dreußens  zu  vermehren  und  den  Mißmut,  der
bei  jedweder  kriegerischen  Aussicht  unvermeidlich  ist,  zu  nähren,  da  von
Hatriotismus  bei  dieser  Hartei  nicht  die  Rede  sein  darf,  sondern  nur
von  Egoismus.

„Wenn  man  aber,  wie  Ich  seit  Jahren  die  Tendenzen  Esterreichs
verfolgen  mußte,  so  mußte  es  Mir  immer  klarer  werden,  daß  selbst
während  der  Allianz  von  1864  diese  nur  einen  kurzen  Stillstand  in  jenen
Tendenzen  hervorbrachte,  um  sie  darauf  um  so  eklatanter  zum  Austrage  zu
bringen;  und  diese  Tendenz  ist  seit  dem  Siebenjährigen  Kriege  keine  andere,
als  Dreußen  von  seiner  Großmachtstellung  wieder  Berabzuwerfen  und  es