Die  Auseinandersetzung  mit  GEsterreich.  395

ihm  doch  alles  daran,  gegen  deutsche  Mitfürsten  den  Kampf  zu  vermeiden.
Noch  in  der  Nacht  vom  14.—  15.  Juni  ließ  er  daher  an  die  preußischen
Gesandten  in  Dresden,  Hannover  und  Kassel  den  Befehl  ergeben,  unverweilt
  den  betreffenden  Monarchen  eine  „Sommation“  zu  überreichen,
um  den  Frieden  mit  diesen  nächsten  Nachbarn  zu  erhalten.  Es  war  eine
letzte  Aufforderung,  sich  zu  erklären,  ob  sie  bereit  seien,  ein  Bündnis  mit
Dreußen  unter  der  Bedingung  einzugehen,  daß  sie  ihre  Truppen  auf  den
Friedensstand  vom  1.  März  zurückführten  und  der  Berufung  eines  deutschen
Darlamentes  zustimmten  sowie  die  Wahlen  zu  demselben  ausschrieben,  sobald
  dies  von  Hreußen  geschähe:  wogegen  Hreußen  ihnen  ihre  Besitzungen
und  Souveränitätsrechte  auf  Grund  seiner  Reformvorschläge  gewährleisten
wolle.  Mit  Sicherheit  erwartete  König  Wilbelm,  daß  die  Fürsten  die
ihnen  dargebotene  Friedenshand  ergreifen  würden;  allein  alle  drei  beantworteten
  die  Sommation  ablehnend.  „Wohlan  denn“,  sagte  der
König  auf  die  Mieldung,  „wenn  sie  wirklich  alle  gegen  mich  sind,  so  stelle
ich  mich  selbst  an  die  Spitze  meiner  Armee  und  will  lieber  mit  ihr  untergehen,
  als  daß  ich  in  dieser  Lebensfrage  nachgebe!“  Und  damit  gab  er
den  Befebl,  in  die  ihm  abgeneigten  Staaten  einzurücken  und  sie  zu  besetzen:
  in  drei  Tagen  befanden  sie  sich  in  Hreußens  Macht.

Der  Krieg  hatte  begonnen:  für  seine  Existenz  zog  Dreußen  das
Schwert.  Dank  der  Doraussicht  König  Wilhelms  geschah  es  ohne  Sagen.
Es  sind  die  eigensten  Gedanken  des  Königs,  die  er  am  18.  Juni  in  dem
Aufruf  aussprach:

„An  mein  Dolk!

In  dem  Alugenblicke,  wo  Dreußens  Beer  zu  einem  entscheidenden
Kampfe  auszieht,  drängt  es  Mich,  zu  Meinem  Dolke,  zu  den  Söhnen
und  Enkeln  der  tapferen  Däter  zu  reden,  zu  denen  vor  einem  halben
Jahrhundert  Mein  in  Gott  ruhender  Dater  unvergessene  Worte  sprach:

Das  Daterland  ist  in  Gefahr!

„Gsterreich  und  ein  großer  Teil  Deutschlands  steht  gegen  dasselbe  in
Waffen!  Nur  wenige  Jahre  sind  es  her,  seit  Ich  aus  freiem  Entschlusse
und  ohne  früherer  Unbill  zu  gedenken,  dem  Kaiser  von  Csterreich  die
Bundeshand  reichte,  als  es  galt,  ein  deutsches  Land  von  fremder  Herrschaft
  zu  befreien.  Aus  dem  gemeinschaftlich  vergossenen  Blute,  hoffte
Ich,  würde  eine  Waffenbrüderschaft  erblühen,  die  zu  fester,  auf  gegenseitiger
  Achtung  und  Anerkennung  beruhender  Bundesgenossenschaft  und
mit  ihr  zu  all  dem  gemeinsamen  Wirken  führen  würde,  aus  welchem
Deutschlands  innere  Wohlfahrt  und  äußere  Bedeutung  als  Frucht  hervor-