402  Siebentes  Kapitel.

Unter  den  Cinden,  dann  bis  in  die  entlegensten  Stadtviertel  hinein.  Vor
dem  Königlichen  Halais  stand  Kopf  an  Kopf  die  Dolksmenge,  während
von  der  Rampe  des  Halais  ein  Flügeladjutant  immer  von  neuem  wieder
die  Siegesdepeschen  vorlas.  Denn  immer  neue  Dolksscharen  drängten
sich  heran;  ein  jeder  will  sie  hören,  bis  eine  kräftige  Stimme  den  Choral
„Ein'’  feste  Burg  ist  unser  Gott!“  anstimmte  und  die  dichtgedrängte
Menge,  ihrer  Smpfindung  Luft  machend,  einfiel.  Der  König  zurückgekehrt,
  öffnet  das  Fenster  und  spricht,  seine  Zewegung  kaum  meisternd,
zu  seinem  freudig  bewegten  Dolke  herzliche  Worte  des  Dankes  und  des
Abschiedes.  Der  Abend  sinkt  herab.  Festlich  erleuchten  sich  die  Fenster
der  weiten  Stadt,  und  froh  gestimmte  Dolksscharen  durchziehen  bis  gegen
Mitternacht  die  Straßen.  Aber  immer  noch  ist  bei  dem  Könige  Cicht.
In  seinem  SBibliothekszimmer,  das  neben  dem  Arbeitszimmer  nach  der
Opernplatzseite  liegt,  steht  eine  derbe  Rolzkiste  mit  starken,  eisernen  Bändern
  beschlagen,  wie  eine  Marktkiste  anzusehen.  Dahinein  packt  der
König  selbst  seine  wichtigsten  Hapiere,  um  für  den  schlimmsten  Fall  sie  in
Sicherbeit  zu  bringen.  So  wenig  hat  die  dreifache  Siegeskunde  die
kühlste  Dorsicht  ihm  getrübt.  Bis  gegen  5  Uhr  in  der  Kacht  hören  die
Schildwachen  ihn  hin-  und  hergeben.  Da  erst  legte  er  zu  kurzer  Ruhe
sich  nieder.

Schon  um  8  Uhr  früh  am  nächsten  Morgen  (50.  Juni)  reiste  der
König  ins  Feld  ab.  Auf  dem  schlesischen  Bahnhofe  waren  die  Königin,
die  Hrinzessinnen  und  die  höchsten  Staatsbeamten  versammelt.  Der  König
war  in  sehr  ernster  Stimmung;  mit  wenig  Worten,  aber  in  sichtlich
großer  innerer  Bewegung  nahm  er  von  allen  Abschied.  Für  jeden  hatte
er  einen  freundlichen  Blick  oder  einen  herzlichen  Zändedruck.  In  der
Begleitung  des  Königs  befanden  sich  der  Hrinz  Karl,  Roon,  der  Kriegsminister,
  Moltke,  der  TChef  des  Generalstabes,  und  Bismarck,  der  Ministerpräsident.
  Nach  preußischer  Sitte  hatte  dieser,  obgleich  Sivilbeamter,  die
Uniform  seines  Landwehrverhältnisses  angelegt,  und  machte  so  als  Major
des  7.  schweren  Landwehr-Reiterregiments  den  Feldzug  mit.

In  vier  Extrazügen  war  das  Große  Rauptquartier  mit  der  Stabswache
  dem  Könige  schon  vorangegangen,  in  einem  fünften  folgte  dem
Suge  des  Königs  das  Kriegsministerium  und  der  Generalstab.  So  umfaßte
  das  Gefolge  des  Königs  nicht  weniger  als  146  Gffiziere  und
960  Mann  mit  825  Pferden,  wovon  indessen  11  Offiziere  und  454  Mann
mit  255  Oferden  auf  die  Stabswache  (Infanterie  und  Kavallerie)  kamen.
Dies  starke  Gefolge  wird  verständlich,  wenn  man  bedenkt,  daß  der  König
auch  im  Felde  mit  gewohnter  Regelmäßigkeit  alle  Regierungsangelegen-