Die  Auseinandersetzung  mit  sterreich.  405

schwer  heimgesuchte  Stadt  anzuflehen.  Auf  den  Abend  beschied  sie  der
König  zu  sich.  Denn  jetzt  drängte  es  ihn,  vor  allem  die  Cazarette  zu
besuchen,  die  in  den  Schulhäusern  eingerichtet  waren.  Da  stand  er  an
den  Betten  der  Verwundeten  und  Typhuskranken,  sprach  zu  ihnen  mit
freundlichen  Trostworten  und  empfahl  den  Arzten  alle  Sorgfalt.

Auf  einer  die  Stadt  ZReichenberg  beherrschenden  Anhöhe  liegt  das
Schloß  des  Grafen  Clam-Gallas,  der  in  den  Reihen  der  Feinde  focht.  Hier
nahm  König  Wilhelm  sein  Cuartier;  er  bewohnte  die  Harterrezimmer
nach  dem  Garten  links  vom  Eingange.  Denkwürdiges  Susammentreffen!
Es  waren  dieselben  Gimmer,  in  denen  Kaiser  Joseph  II.  am  50.  Juni  1766
gewohnt  hatte  —  auf  den  Tag  ein  Jahrhundert  zuvor.  Unmittelbar  vor
den  Fenstern  des  Königs,  am  Abhange  des  Gartens,  biwakierte  die  Stabswache.
  Denn  in  den  nahen  Bergen,  wurde  gemeldet,  hielten  sich  österreichische
  Truppen  auf,  von  denen  man  sich  wohl  eines  verwegenen  Bandstreiches
  versehen  durfte.  Kaum  war  im  Schlosse  das  kurze  Diner  beendigt,
  so  versammelte  der  König  die  Generale  um  sich,  verglich  mit
ihnen  die  sämtlichen  eingegangenen  Berichte,  welche  deutlich  das  auf  allen
Dunkten  siegreiche  Vorrücken  der  Hreußen  zeigten,  und  gab  danach  seine
Befelle.  Einen  LRriegsrat  hat  König  Wilhelm  während  des  ganzen
Feldzuges  nicht  gehalten.  Den  Bürgermeister  empfing  er,  während  er
abends  im  Garten  sich  erging,  und  gab  ihm  gnädigen  Bescheid,  indem
er  die  tägliche  Kontribution  von  5000  Gulden  auf  den  Betrag  ermäßigte,
  der  thatsächlich  zur  Derpflegung  der  in  Reichenberg  weilenden
preußischen  Truppen  gebraucht  wurde.  Und  als  dann  alles,  von  der
Reise  ermüdet,  im  Schlosse  bald  zur  Ruhe  gegangen  war,  sah  man  um
Mitternacht  den  König  noch  schreibend  an  einem  Tische  sitzen.  Sisern
zwang  durch  sein  Hflichtgefühl  der  bald  Siebzigjährige  den  ermattenden
MKörper.

Über  Zeichenberg  hinaus  war  die  Eisenbahn  von  den  Esterreichern
zerstört.  So  ging  es  denn  am  Somtagmorgen  (I.  Juli)  zu  Wagen
weiter.  Aber  so  sehr  der  König  auch  vorwärts  drängte,  so  machte  er
doch  dem  General  von  Tümpling,  der  in  der  NMacht  verwundet  in  das
Stephanshospital  gebracht  war,  einen  trostspendenden  Besuch,  bevor  er
sich  mit  dem  Prinzen  Karl  in  den  Wagen  setzte.  In  schärfstem  Trabe
ritt  ein  Zug  Ulanen  dem  königlichen  Wagen  voraus,  ein  Zug  Busaren
folgte.  So  ging  es  in  den  schönen  Sommermorgen  hinaus,  durch  ein
wohlbebautes  Land,  dessen  Bewohner  in  der  Sonntagsmuße  vor  die
Thüren  traten,  um  den  rasch  dahin  eilenden  Wagenzug  sich  anzusehen.
Eine  halbe  Stunde  vor  Turnau  biegt  der  Weg  nach  Sichrow,  dem