420  Siebentes  Kapitel.

Wagen  und  gab  den  Bittenden  gnädigen  Bescheid:  „Gott  weiß,  daß
dieser  Krieg  weder  in  meiner  Wahl  noch  in  meinem  Willen  gelegen,
sondern  ich  bin  dazu  durch  den  Monarchen  gezwungen  worden,  dessen
Armee  ich  jetzt,  aber  nicht  die  friedlichen  Bürger  seines  Landes  bekriege."


Nach  den  kühlen  Regentagen  war  jetzt  das  Wetter  auch  schön  und
gleichmäßig  warm  geworden.  Infolgedessen  besserte  sich  von  Brünn  an
auch  das  Befinden  des  Königs,  der  in  dem  kaiserlichen  Halais  Ouartier
genommen  hatte,  zusehends,  so  daß  er  am  nächsten  Abend  mit  seinem
Gefolge  den  Augarten,  eine  Harkanlage  bei  der  Stadt,  besuchte  und  dort
inmitten  der  Bevölkerung  eine  Stunde  verweilte.  Der  folgende  Tag  war
Sonntag.  Auf  dem  Josephstädter  Glacis  zwischen  dem  Halais  und  der
Statthalterei  ließ  der  König  am  Morgen  Feldgottesdienst  halten.  Recht
nach  seinem  Herzen  predigte  der  Dinisionspfarrer  Kretschmar  über
Pssalm  115,1:  „NMicht  uns,  Herr,  nicht  uns,  sondern  deinem  Namen
gieb  Ehre!“

Unterdessen  hat  Benedek  drei  Corps  von  seiner  Armee  mit  der
Eisenbahn  von  Glmütz  nach  Wien  gesandt,  bis  durch  das  Gefecht  bei
Tobitschau  die  Sweite  Armee  ihm  den  Weg  verlegte,  so  daß  er  nunmehr
in  Gewaltmärschen  auf  dem  Jawornikpasse  die  Kleinen  Karpathen  überschritt,
  um  das  Waagthal  hinab  zur  Donau  zu  gelangen.  Aber  die
beiden  andern  Armeen  der  Hreußen  sahen  schon  in  der  Ferne,  über  die
Donau  herüber  den  St.  Stephansturm  von  Wien  glitzern.  Denn  bis
Stockerau,  26  Kilometer  von  Wien,  drangen  die  Spitzen  der  Elbarmee,
bis  Gänserndorf,  51  Kilometer  von  Wien,  die  Spitzen  der  Ersten  Armee
vor.  Am  18.  Juli  folgte  ihnen  das  Große  Bauptquartier  nach.

Von  Brünn  führt  die  „Kaiserstraße"“,  eine  breite  und  gut  gehaltene
Thaussee  durch  freundliche  und  wohlkultivierte  Gegenden,  hin  und  wieder
auch  an  malerischen  Bergzügen  hin  über  Nikolsburg  nach  Wien.  Nikols—
burg  ist  ein  kleines  Städtchen,  dessen  langgedehnte  Mordvorstadt  fast  ausschließlich
  armes  Judenvolk  bewohnt.  Mlitten  in  dem  Städtchen  erhebt
sich  ein  mächtiger  Fels,  so  steil,  daß  es  Beschwerde  macht,  zu  Wagen  ihn
zu  erklimmen.  Den  Gipfel  des  Felsens  krönt  das  alte  Schloß,  aus  dessen
Fenstern  eine  weite  Aussicht  in  die  lachende  Landschaft  sich  bietet.  Dor
der  Schlacht  bei  Austerlitz  wohnte  Tapoleon  hier;  jetzt  verlegte  König
Wilhelm  sein  Hauptquartier  in  das  Schloß,  in  dem  nun  in  den  nächsten
Tagen  ein  Stück  Weltgeschichte  sich  vollziehen  sollte.

Erst  um  10  Uhr  abends  am  18.  Juli  langte  der  König  in  dem
engen  und  bergigen  Städtchen  an.  Die  Einwohner  hatten  TLichter  an  die