436  Achtes  Kapitel.

inneren  Schwierigkeiten;  und  die  Stimmung  der  großen  Mehrheit  des
neuen  Abgeordnetenhauses  war,  wenn  König  Wilhelm  nach  diesen  Erfolgen
  eine  königliche  Diktatur  in  Anspruch  nebmen  wollte,  willig  dem
zuzustimmen.  Und  doch,  wie  sehr  verkannte  sie  damit  ihres  Königs  Sinn!

Seit  Jahren  war  das  Staatshaushaltsgesetz  nicht  zustande  gekommen.
Ohne  Zudget  hatte  der  König  die  Regierung  geführt;  jetzt  war  sein
perlangen,  daß  das  Abgeordnetenhaus  dazu  nachträglich  seine  Sustimmung
gebe  und  ihn  entlaste.  So  ebrlich  fühlte  er  sich  als  konstitutionellen
König,  von  allem  Derlangen  nach  Absolutismus  fern!

Der  Umschwung  in  der  Stimmung  des  TLandes,  wie  er  schon  in  den
Wahlmännerwahlen  des  Juni  sich  angekündigt,  hatte  —  wie  es  scheint
—  in  dem  Grafen  Bismarck  zuerst  den  Gedanken  hervorgerufen,  durch
einen  formellen  Friedensschluß  mit  dem  neuen  Abgeordnetenhause
den  Derfassungskonflikt  endgültig  abzuschließen.  In  der  Chronrede,
welche  von  der  Zevdt  als  ältester  der  in  Berlin  zurückbleibenden  Minister
zur  Eröffnung  des  Landtages  voraussichtlich  zu  verlesen  haben  würde,
müsse  diese  Absicht  —  meinte  er  —  angekündigt  werden.  Auf  Grund
einer  Unterredung  mit  dem  Ministerpräsidenten  machte  daher  Graf
Eulenburg,  der  Minister  des  Innern,  einen  Entwurf  zu  dieser  Stelle  der
Thronrede,  in  dem  es  bieß,  daß  der  Landtag  um  nachträgliche  Gutheißung
  angegangen  werden  solle.  Diesen  Entwurf  benutzte  von  der
Bevdt,  als  er,  nachdem  die  Wahlen  zum  Tandtage  geschehben  waren,  die
zu  haltende  Thronrede  zu  entwerfen  hatte;  doch  wählte  er  statt  des
Eulenburgschen  Ausdruckes  das  Wort  „Indemnität.“  Am  28.  Juli  fand
nun  Ministerrat  zur  Feststellung  der  Rede,  bevor  sie  dem  HKönige  zur
Genebhmigung  vorgelegt  würde,  in  Berlin  statt.  Mit  lebhafter  Entrüstung
  sprachen  sich  Graf  Lippe,  der  Justizminister,  und  der  Kultusminister
  von  Mühler  gegen  das  ganze  Vornehmen  aus.  Sie  faßten  den
Antrag  auf  Indemnität  als  ein  reumütiges  Sündenbekenntnis.  Bismarck
dagegen  und  Roon,  die  im  Feldlager  in  Mähren  ihre  besonderen  Nota
hinzufügten,  nahmen  die  Indemnität  als  nachträgliche  Sustimmung  zu
dem  Dorgehen  der  Regierung  in  den  budgetlosen  Jahren.

Dies  war  auch  die  Auffassung  des  Königs.  Nach  seiner  Weise
prüfte  er  den  ganzen  Entwurf  der  Thronrede  genau,  fügte  hie  und  da
Randbemerkungen  hinzu  und  hielt  dann  in  Drag  mit  Bismarck  eingebende
Beratung  über  alles  Einzelne.  Sugleich  bestimmte  er,  schon  auf  der  Heimreise
  begriffen,  daß  er  den  Landtag  in  eigener  Herson  eröffnen  wolle.
So  gab  denn  Bismarck  jetzt  nach  den  Anweisungen  des  Königs  der
Thronrede  ihre  endgültige  Gestalt  und  sandte  sie  mit  der  Anordnung