442  Achtes  Kapitel.

Unterdes  waren  die  Friedensverträge  unterzeichnet  und  die  siegreichen
  Bataillone  in  die  Heimat  zurückgekehrt.  Durch  den  Erlaß  einer
Amnestie  „aus  Anlaß  des  ruhmvoll  wiederhergestellten  Friedens“  gab
König  Wilhelm  am  20.  September  seiner  Freude  Ausdruck.  Und  an
demselben  Tage  fand  der  Einzug  der  ruhmbekränzten  Armee  in  die
Candeshauptstadt  statt:  ein  Fest,  wie  es  seit  mehr  als  50  Jahren  Berlin
nicht  erlebt  hatte.  Am  Brandenburger  Thor  begrüßte  der  König,  von
begeisterten  Zochrufen  empfangen,  die  Truppen,  indem  er  die  Fronten  abritt.
  Dann  setzte  er  sich  an  die  Spitze  und  führte  sie  die  Linden  hinab,
durch  eine  Triumphstraße,  wie  die  Weltgeschichte  sie  noch  nicht  kannte.
208  auf  dem  Schlachtfelde  eroberte  feindliche  Kanonen,  paarweis  aufgestellt,
  faßten  den  ganzen  Weg  ein.  Doran  im  festlichen  Suge  wurden
die  erbeuteten  österreichischen  Fahnen  und  Standarten  getragen.  Bismarck,
  Roon  und  Moltke  mit  den  Generalstabschefs  der  Ersten  und
Sweiten  Armee,  den  Generalen  Doigts-Rhetz  und  Blumenthal,  ritten
unmittelbar  vor  dem  Könige;  ihm  zunächst  folgten  der  Kronprinz  und
Drinz  Friedrich  Karl,  in  weiterer  Reihe  die  Hrinzen  Karl,  Albrecht,
Adalbert  und  Alexander,  denen  sich  die  kommandierenden  Generale  anschlossen.
  Dor  dem  Standbilde  Blüchers  am  Opernplatz  nahm  der  König
den  orbeimarsch  ab.

Der  Zaum  verstattete  nicht  mehr  als  50  000  Mann  an  dem  Einzuge
  teilnehmen  zu  lassen;  um  aber  doch  möglichst  vielen  von  seinen
braven  Truppen  die  Ehre  und  den  Sestesjubel  des  Einzugs  zu  gewähren,
führte  König  Wilhelm  in  gleicher  Weise  auch  die  übrigen  Truppen  am
nächsten  Tage  durch  die  Triumphstraße  in  seine  Hauptstadt  hinein.  Über
die  hBerrlich  geschmückte  Schloßbrücke  marschierten  sie  bis  zum  Lustgarten
vor  dem  königlichen  Schloß,  wo  zu  den  Füßen  einer  gewaltigen  Borussiastatue
  ein  Feldaltar  errichtet  war.  Ein  Dankgottesdienst  unter  freiem
Rimmel  beschloß  hier  die  glanzvolle  Feier.  Kurz  und  eindringlich  predigte
der  Feldpropst  Thielen  über  das  HPsalmenwort  (118,  23):  „Das  ist  vom
Rerrn  gescheben  und  ein  Wunder  vor  unsern  Augen.“  Dann  stimmte  der
aus  tausend  Hersonen  bestehende  Sängerchor,  von  allen  Musikcorps  begleitet,
  während  von  den  Kirchen  Glockengeläute  ertönte  und  dumpf  die
Kanonen  dazwischen  donnerten,  den  Ambrosianischen  Lobgesang  an:  „Berr
Golt,  dich  loben  wir!“  Und  all  die  Tausende,  die  den  weiten  Hlatz  einnahmen,
  stimmten  bewegten  Berzens  voll  mit  ein,  und  an  Innigkeit  gewann
  der  ehrwürdige  Sang  reichlich  zurück,  was  an  Gleichklang  ihm
vielleicht  verloren  ging:  für  alle,  die  mitsangen,  ein  ganz  unvergeßlicher
Moment!