Nach  dem  Kriege.  443

Es  waren  herrliche,  festliche  Tage;  und  der  Mlittelpunkt  aller  Freude
und  alles  Jubels  war  König  Wilhelm,  als  wenn  das  Hreußenvokk  sich
gar  nicht  genug  thun  könnte,  ihn  zu  feiern  und  ihm  zu  danken.  Aber
der  König  wies  allen  Dank  an  die  Armee;  für  sich  nahm  er  nichts
weiter  in  Anspruch,  als  seine  Hflicht  gethan  zu  haben.  „Sie  haben“,
sagte  er  auf  dem  Festmahle  der  Stadt  Berlin  zu  dem  Gberbürgermeister
Krausnick,  „in  Ihrer  Ansprache  gesagt,  daß  die  Fürsten  Bohenzollerns
stets  die  Pflicht  allem  andern  vorangestellt  Kaben.  Das  ist  richtig!  In
diesem  Hflichtgefühl  habe  ich  die  Armee  auf  den  Stand  gestellt,  auf  dem
wir  sie  jetzt  siegreich  zurückkehren  sehen.  Aus  diesem  Öflichtgefühl  habe
ich  allen  Anfechtungen  widerstanden,  die  gegen  meine  Mahßregeln  erhoben
  worden  sind:  und  sie  sind  mit  Ruhm  gekrönt  worden.“

Uoch  stand  indessen  der  Abschluß  des  Friedens  mit  Sachsen  aus,  da
König  Johann  sich  sträubte,  dem  Norddeutschen  Bund  beizutreten.  Endlich
  jedoch  fügte  er  sich  in  das  Unabänderliche  und  kam  im  Dezember
persönlich  nach  Berlin,  wo  die  seit  langen  Jahren  befreundeten  Herrscher
in  vertraulicher  Derhandlung  die  Stellung  Sachsens  in  dem  neuen  Bundesstaate
  regelten.

Damit  ging  das  Jahr  1866,  das  bedeutungsvollste,  das  König
Wilhelm  bisher  durchlebt,  zu  Ende.  In  der  Silvesternacht  saß  er  einsam
  in  seinem  Arbeitszimmer;  er  hielt  Rückschau  und  Einkehr  und  schrieb
nieder,  was  in  der  Stille  der  Mitternacht  sein  Herz  bewegte:

„Seitdem  ich  am  10.  April  1857  meinen  Abschiedsgruß  meinen
zu  Hinterlassenden  niederschrieb,  hat  das  Schicksal  mächtig  in  mein  Leben
eingegriffen.  Die  Dorsehung  bestimmte  in  einer  ungeabnten  Weise  über
die  letzten  Lebensjahre  meines  teuren  Bruders  und  berief  mich  noch  bei
seinem  Leben  zu  seinem  Nachfolger.  Als  Gott  den  vielgeprüften  König
und  Bruder  von  seinem  schweren  TLeiden  gnädig  erlöste,  mußte  ich  den
Thron  der  Däter  besteigen.  Gegen  meine  Keigung  schritt  ich  zur  Krönung
  in  tiefster  Demut,  um  Hreußen  mit  seinen  neuen  Institutionen  die
irdische  Macht  zu  vergegenwärtigen,  die  zu  dessen  Beil  fest  bestehen  müsse.
Diese  meine  gewissenhafte  Uberzeugung  hat  mich  geleitet  und  gestählt
in  schweren  Kämpfen,  die  ich  mit  jenen  neuen  Institutionen  jahrelang
zu  bestehen  hatte.

„Diese  Kämpfe  haben  mich  tief  erschüttert,  weil  ich  standhalten
mußte  gegen  ein  wirres  Andrängen  gegen  jene  irdische  Macht,  die  ich
nicht  aus  den  Händen  geben  durfte,  wenn  Hreußens  Geschichte  nicht
aufgegeben  werden  sollte.  Ich  vergebe  allen,  die  wissentlich  und  unwissentlich
  sich  meinen  auf  Gewissensüberzeugung  begründeten  Absichten