Ueuntes  Kapitel.
Preußen  und  Frankreich.

Es  war  im  August  des  Jahres  1857.  Der  Kaiser  Napoleon  weilte
zum  Besuche  der  englischen  Königsfamilie  in  Osborne.  In  vertraulichem
Gespräch  saß  er  eines  Tages  nach  dem  Diner  mit  dem  Prinzgemahl
zusammen,  als  ihn,  indem  er  sich  eine  Sigarre  ansteckte,  die  Laune  anwandelte,
  von  seinen  Sukunftsplänen  zu  sprechen.  „Nur  eins  noch“,
meinte  er  lächelnd,  „ist  unerläßlich  für  die  Befestigung  meines  Thrones:
Belgien  und  das  linke  Rheinufer  muß  ich  an  Frankreich  zurückbringen!“
Erschrocken  warf  Hrinz  Albert  ein:  „Aber  der  Widerstand  des  Harlaments!
  Der  Widerstand  Dreußens!  Einen  ungeheuren  Krieg  wird  das
entzünden.“  „Durchaus  nicht“,  erwiderte  der  Kaiser  ganz  ruhig.  „icht
ein  Histolenschuß  wird  darum  abgefeuert  werden.  Ihrem  Harlamente
gebe  ich  einen  günstigen  Zandelsvertrag;  Hreußen  aber  versteht  seinen
Vorteil,  es  wird  mir  gern  zwei  Millionen  Seelen  abtreten,  wenn  es  dafür
zehn  oder  zwölf  sich  selbst  in  Deutschland  nehmen  darf.“  Durchaus  beherrschte
  den  Kaiser  dieser  Gedanke;  mit  aller  Sähigkeit  hielt  er  in  der
Stille  ihn  fest,  der  günstigen  Gelegenheit  wartend,  ihn  zur  Ausführung
zu  bringen.  Aber  der  kluge  Rechner  hatte  das  Selbstgefühl  des  preußischen
  Dolkes  dabei  außer  Ansatz  gelassen,  das  gegen  einen  solchen  Länderhandel
  mit  Leidenschaft  sich  ausbäumen  würde;  er  hatte  vor  allem  nicht
das  redliche  Herz  König  Wilhelms  bedacht,  dem  die  Shre  seiner  Krone
mehr  galt  als  der  größte  Gewinn.  Dies  war  der  starke  Fels,  an  dem
Napoleons  verhängnisvoller  Olan  und  damit  sein  ganzer  Thron  in  Stücke
brechen  sollte.

Für  seinen  Hlan  erschien  dem  Kaiser  der  Ausbruch  des  Krieges  der
beiden  Großmächte  sehr  günstig.  Er  erwartete  zwar,  daß  Hreußen  siegen,
aber  dann  doch  so  geschwächt  sein  würde,  daß  es  dem  französischen  Ver—
langen  nach  „Kompensationen“  keinen  Widerstand  entgegenzusetzen  vermöchte.,.
  Darum  verursachte  der  rasche  und  glänzende  Sieg  Hreußens