446  Neuntes  Kapitel.

ihm  „patriotische  Beklemmungen“,  und  hastig  erraffte  er  die  Rolle  des
Vermittlers,  die  König  Wilhelm  nur  mit  tiefem  Unmut  sich  gefallen  ließ.
Kaum  aber  war  dieser  im  strahlenden  Siegerkranze  in  seine  Rauptstadt
zurückgekehrt,  als  auch  schon  Graf  Benedetti,  der  französische  Botschafter,
am  5.  August  auf  Befehl  seines  Kaisers  bei  dem  Grafen  Bismarck  die
schon  in  NTikolsburg  zur  Sprache  gebrachten  Kompensationsforderungen
Frankreichs  anmeldete.  Er  verlangte  die  1814  von  Frankreich  abgetrennten
  Gebietsteile  Dreußens  auf  dem  linken  Rheinufer,  ferner  die
linksrheinischen  Gebiete  Baverns  und  Hessens  mit  Mainz,  endlich  Luxemburg
  und  Limburg.  Und  am  folgenden  Tage  erschien  er  selber  bei  dem
Grafen,  um  die  Forderung  durch  Kriegsdrohungen  zu  stützen.  Allein
König  Wilhelm  entschied  kurz  dahin,  daß  bei  der  Stimmung  der  Nation
kein  Soll  breit  deutschen  Landes  abgetreten  werden  könne.  Benedetti
reiste  nach  Haris,  diese  Antwort  Napoleon  zu  überbringen.  Und  an  der
Festigkeit  und  Furchtlosigkeit  des  Oreußenkönigs  scheiterte  die  französische
Begehrlichkeit.  Mapoleon  entließ  den  Minister  des  Außern  Droupn
de  l'Huys  und  sandte  Benedetti  mit  der  Erklärung  nach  Berlin  zurück,
man  möge  dort  die  Sache  als  „nicht  geschehen“  betrachten.

Dieser  glänzende  diplomatische  Sieg  machte,  als  König  Wilhelm  ihn
dem  Kaiser  Alexander  II.  mitteilen  ließ,  auf  diesen  einen  solchen  Eindruck,
daß  er  den  Abschluß  eines  Bündnisses  mit  Hreußen  ins  Auge  faßte.
Allein  der  König  zog  es  vor,  mit  der  Freundschaft  Rußlands  sich  wie
bisher  zu  begnügen.  ·

Aber  auch  Frankreich  umwarb  das  sieggekrönte  Preußen.  Die  Zurück—
ziehung  der  Kompensationsansprüche  benutzte  Napoleon  nur  zur  Handhabe,
  um  sie  in  etwas  veränderter  Gestalt  alsbald  wieder  aufleben  zu
lassen.  Er  bot  Hreußen  ein  geheimes  Schutz=  und  Trutzbündnis  an,  auf
Grund  dessen  er  Belgien  in  Besitz  nelmen  wolle;  der  Hreis  des  Bündnisses
  solle  in  der  Wiederherstellung  der  französischen  Grenzen  von  1814,
also  in  der  Abtretung  von  Landau,  Luxemburg  und  des  oberen  Saargebietes
  bestehen.  Es  war  eine  unverschämte  Sumutung,  die  damit  an
Dreußen  gerichtet  wurde.  Tapoleon  selbst  hatte  die  Empfindung,  daß  er
zu  weit  gegangen;  er  ließ  sich  daher  zu  der  Einschränkung  herbei,  daß
er  kein  deutsches  Gebiet  begehre,  vielmehr  auch  mit  Belgien  und  Luxemburg
  unter  der  Doraussetzung  zufrieden  wäre,  daß  Dreußen  den  Groß—
herzog  von  Luxemburg  entschädige.

Die  Situation  war  sehr  ernst.  Ein  nochmaliger  Mißerfolg  konnte
aus  Sorge  um  seinen  Thron  nur  allzu  leicht  den  Kaiser  Mapoleon  zum
Kriege  drängen.  König  Wilhelm  wußte  dem  zu  begegnen.  Auf  der