448  Neuntes  Kapitel.

ganze  deutsche  Volk  stand  darin  auf  seiner  Seite.  Die  französische  Eitelkeit
  dagegen  geriet  über  den  Gedanken  ganz  außer  sich,  daß  ein  franzö—
sischer  Kaufvertrag  deshalb,  weil  Preußen  ihm  nicht  zustimmte,  unausgeführt
  bleiben  solle.  Die  überhitzten  Köpfe  abzukühlen,  befahl  daher
König  Wilhelm,  die  bisher  geheim  gehaltenen  Schutz-  und  Trutzbündnisse
Preußens  mit  den  süddeutschen  Staaten  am  19.  und  23.  März  1867  im
Preußischen  Staatsanzeiger  zu  veröffentlichen.  Das  war  eine  ernste
Warnung  für  die  Franzosen  und  zugleich  eine  schmerzliche  Enttäuschung,
wenn  sie  auf  die  Sympathien  Süddeutschlands  gerechnet  hatten:  nicht
Preußen,  sondern  ganz  Deutschland  trat  ihnen  gegenüber:  Die  militä—
rischen  Autoritäten  in  Berlin  waren  auch  übereinstimmend  der  Ansicht,
daß  Preußen  den  ihm  freventlich  hingeworfenen  Fehdehandschuh  auf—
nehmen  solle;  denn  zweifellos  war  jetzt  die  deutsche  Armee  der  franzö—
sischen,  deren  Reorganisation  Napoleon  eben  erst  begonnen  hatte,  über—
legen.  Allein  König  Wilhelm  war  dem  Kriege,  den  er  noch  für
vermeidbar  hielt,  durchaus  abgeneigt;  er  willigte  daher  darein,  daß  durch
die  Vermittelung  der  übrigen  Großmächte  das  drohende  Unwetter  be—
schworen  würde.  So  wurde  denn  in  LCondon  am  31.  Mai  1867  ein
Vertrag  dahin  abgeschlossen,  daß  Frankreich  auf  den  Ankauf  Luxemburgs
und  nunmehr  Preußen  auf  das  Besatzungsrecht  verzichtete,  während  die
übrigen  Großmächte  eine  Gesamtgarantie  für  die  Neutralität  des  Gro
herzogtums  unter  Schleifung  der  Befestigungen  der  Festung  übernahmen
Es  war  damit  erreicht,  was  Hreußen  erstrebt  hatte:  das  deutsche  Land
war  der  Begebtrlichkeit  der  Franzosen  unzugänglich  gemacht.

Es  war  aber  nicht  bloß  das  Derlangen  nach  einer  Gebietsvergrößerung,
  das  nach  wie  vor  NMapoleons  Sinnen  erfüllte;  sondern  immer
brennender  mischte  sich  das  Begehren  nach  einem  Triumph  über  Hreußen,
es  sei,  worin  es  sei,  hinein.  Denn  nur  dadurch  glaubte  er  die  verletzte
französische  Eitelkeit,  die  den  RNiedergang  des  Ansehens  Frankreichs  ihm
allein  schuld  gab,  mit  seiner  Regierung  wieder  aussöhnen  zu  können.
Darum  versuchte  Napoleon  es  auf  alle  Weise  zu  erreichen,  daß  Hreußen
durch  die  Sustimmung  zu  irgend  einer  Gebietsvergrößerung  Frankreichs,
zu  einem  Gewinne  ohne  Einsatz,  seine  indirekte  Anerkennung  der  Oberhoheit
  Frankreichs  ausspreche,  daß  es  dadurch  Frankreich  Dank  schuldig
zu  sein  bekenne  dafür,  daß  dieses  es  1864  und  1866  frei  habe  gewähren
lassen.  Nur  so,  rechnete  er,  würde  dem  Sigendünkel  der  Franzosen  Genüge
  geschehen.  Allein  mit  voller  Entschiedenheit  widerstrebte  König
Wilhelm,  die  Gedanken  Wapoleons  alsbald  durchschauend,  auch  der  leisesten
  Anerkennung  eines  französischen  Übergewichtes;  beharrlich  trat  er