Preußen  und  Frankreich.  449

eben  darum  allen  Vergrößerungsgelüsten  Frankreichs  entgegen.  Aber  er
beschränkte  sich  durchaus  auf  eine  kühle  Abwehr  der  Zumutungen  Tapoleons
  und  ließ  alles  vermeiden,  was  den  Charakter  einer  Provokation
hätte  annehmen  können.  Denn  einen  Bruch  mit  Frankreich,  solange  es
nur  Preußens  Ehre  zuließe,  war  er  entschlossen  zu  vermeiden.  Er
fürchtete  den  Krieg  nicht,  wie  es  Napoleon  that;  aber  die  schweren
Opfer,  die  er  auch  von  dem  Sieger  fordert,  schreckten  ihn.  Nicht  für
irgend  welche  Vorteile,  sondern  nur  für  die  bedrohte  Ehre  Preußens  sie
zu  bringen,  galt  ihm  allein  für  gerechtfertigt.  Aber  mit  Bestimmtheit
hoffte  der  siebzigjährige  Herrscher,  daß  für  seinen  Lebensabend  ihm  und
seinem  Volke  der  Segen  des  Friedens  bewahrt  bleiben  würde.

Wohl  mochte  das  auch  Napoleon  hoffen.  Aber  die  Sorge  für  die
Sicherung  seines  Thrones  und  die  Befestigung  der  Dvnastie  hielt  ihn  in
Unruhe.  Die  diplomatischen  Mittel,  die  er  angewendet,  hatten  versagt.
Von  persönlicher  Besprechung  versprach  er  sich  besseren  Erfolg.  Mit
hellem  Glanze  umgab  ihn  die  Weltausstellung,  welche  die  kaiserliche  Regierung
  1867  in  Haris  ins  Werk  gesetzt.  Sahllose  Gäste  rief  das  großartig
  gelungene  Unternehmen  aus  allen  Landen  nach  der  Seinebauptstadt.
Auch  der  preußische  Kronprinz  hatte  mit  der  Kronprinzessin  sich  dorthin
begeben.  So  lud  denn  der  Naiser  auch  den  König  Wilhelm  zum  Besuche
  der  eltausstellung  ein.  Bereitwillig  entsprach  dieser  der  Einladung;
  doch  nahm  er  in  der  Erwartung,  daß  es  sich  um  mehr  als
Feste  und  Ausstellung  handeln  würde,  seinen  Ministerpräsidenten  Bismarck
auf  die  Ausstellungsfahrt  mit.

Bis  Compiegne  war  das  kronprinzliche  Haar  dem  Könige  entgegengefallren.
  Auf  dem  Nordbahnbofe  in  Haris  waren  Tribünen  errichtet,
dicht  gedrängt  mit  Suschauern  gefüllt,  die  den  grimmigen  —  wie  sie
meinten  —  Hreußenkönig  sehen  wollten.  Als  der  Zug  in  die  Halle  einlief,
  stand  der  Kaiser  Aapoleon,  seinen  hohen  Gast  selbst  zu  empfangen,
mit  glänzendem  Gefolge  auf  dem  Babhnsteig.  Er  eilte,  während  der
König  aus  dem  Wagen  stieg,  auf  ihn  zu,  reichte  ihm  beide  Hände  dar
und  begrüßte  ihn  auf  das  herzlichste,  während  das  Hublikum  auf  den
Tribünen  Züte  und  Tücher  zur  Begrüßung  schwenkte.  Wiederholt  dankte
der  König  lächelnd  mit  militärischem  Gruße.  Dann  nahm  der.  Kaiser
den  Arm  des  Königs  und  führte  ihn  so  zu  den  bereitstehenden  Hofwagen.
Im  ersten  derselben  nahmen  die  beiden  Herrscher  Hlatz,  ihnen  gegenüber
der  preußische  Kronprinz  mit  dem  Hrinzen  Joachim  Murat.  Bis  zum
Boulevard  Magenta  bildeten  die  Truppen  Spalier,  hinter  denen  in  unabsehbaren

  Scharen  die  Menge  sich  drängte.  Auch  auf  dem  Couvre—
Maiser  wilhelm.  29