452  Neuntes  Kapitel.

Wilhelm  mit  dem  Kronprinzen  beiwohnte.  Kurze  Zeit  danach  verließ
Kaiser  Alexander  das  ungastliche  Paris;  am  14.  Juni  folgte  ihm  König
Wilhelm.

Wir  wissen  nicht,  was  während  des  zehntägigen  Aufenthaltes  in

Paris  Napoleon  mit  seinem  Königlichen  Gaste  besprochen  hat.  Aber  er
scheint  doch  die  Überzeugung  bekommen  zu  haben,  daß  es  unmöglich  sein
würde,  den  König  für  irgend  einen  seiner  vergrößerungsdurstigen  Pläne
zu  gewinnen.  Wenigstens  hütete  er  sich  während  der  nächsten  Jahre,
die  freundliche  Stimmung,  welche  zwischen  den  beiderseitigen  Regierungen
nun  wieder  herrschte,  durch  neue  Hrojekte  zu  trüben.  Freilich  begann  er
zugleich  durch  den  Marschall  Niel  die  französische  Armee,  die  durch  den
mexikanischen  Feldzug  stark  mitgenommen  war,  nach  Zahl  und  Ausrüstung
zu  reorganisieren  und  mit  dem  Chassepot,  das  dem  preußischen  Zünd—
nadelgewehre  entschieden  überlegen  war,  auszurüsten:  was  denn  doch,
wenn  auch  nicht  auf  Kriegsabsicht,  so  doch  auf  Kriegserwartung  hinzudeuten
  schien.  Aber  auch  für  Deutschland  waren  diese  Friedensjahre
wertvoll;  denn  nun  konnte  der  Norddeutsche  BZund  sich  ausgestalten  und
festigen  und  die  militärische  Kraft  Deutschlands  auf  Grund  der  gewonnenen
Erfahrungen  entwickelt  werden.
Allein  mit  jedem  Jahre  deutlicher  erkannte  Mapoleon,  ein  scharf
blickender  Beobachter  der  Dinge,  daß  mit  erschreckender  Schnelle  das
Kaisertum  in  Frankreich  den  Boden  unter  den  Füßen  verlor.  Er  begriff,
daß  etwas  geschehen  müßte.  Aber  er  war  ein  schwerkranker  Mann,
der  kaum  noch  die  Kraft  zu  einem  großen  und  festen  Entschluß  in  sich
fand.  Mit  erstaunlicher  Offenherzigkeit  hatte  er  1867  die  Lage,  in  der
er  sich  befand,  bei  Gelegenheit  des  Ausstellungsbesuches  dem  Grafen
Bismarck  dargelegt.  Denn  daraus,  daß  dieser  durch  teilweise  Machgiebigkeit
  den  Krieg  um  die  luxemburgische  Angelegenheit  zu  vermeiden  möglich
  gemacht,  schloß  er  auf  ein  Interesse  des  preußischen  Staatsmannes
für  die  Erhaltung  der  bonapartischen  Dnastie  auf  dem  Throne  Frankreichs.
  Man  riete  ihm,  sagte  der  Kaiser,  das  bisherige  absolutistische
Regiment  aufzugeben  und  eine  parlamentarische  Regierung  in  liberaler
Weise  in  Frankreich  einzuführen.  Dem  könne  er  nur  beistimmen,  war
Bismarcks  Meinungz  aber  zugleich  sei  es  dann  nötig,  daß  der  Kaiser
sich  mit  einem  zuverlässigen,  der  kaiserlichen  Dynastie  durchaus  ergebenen
Beer  umgebe,  namentlich  die  Garde  in  treuer  Gesinnung  an  sein  Haus
fessele.  Tur  so  werde  er  die  Ausschreitungen,  zu  denen  liberale  Institutionen
  in  Frankreich  leicht  verführen  könnten,  erfolgreich  zurückzuweisen
im  stande  sein.