Preußen  und  Frankreich.  453

Der  Rat  war  gut;  aber  doch  zögerte  der  Kaiser,  ihm  zu  folgen.
Ihn  beherrschte  der  Gedanke,  vor  allem  seine  Stellung  nach  außen  hin
so  zu  stärken,  daß  Preußen  sein  stolzes  Selbstgefühl,  durch  das  er  sich
in  den  Augen  der  Franzosen  herabgesetzt  fühlte,  ihm  gegenüber  aufgeben
müßte.  Schon  im  September  1867  suchte  er  daher  in  Salzburg  sich  mit
dem  Kaiser  Franz  Joseph  zu  verständigen.  Auch  den  König  Victor
Emanuel  von  Italien  strebte  er  nach  langer  Entfremdung  wieder  mehr
an  sich  heranzuziehen:  wenn  nur  die  französische  Besatzung  in  Rom  nicht
gewesen  wäre,  die  den  Italienern  den  Einzug  in  Rom,  ihre  naturgemäße
Rauptstadt,  verbot!  Als  das  Haupt  einer  solchen  Tripelallianz  Frankreich-Esterreich-Jtalien,
  meinte  er  es  erreichen  zu  können,  daß  Hreußen
sich  vor  seinen  Wünschen  beuge,  und  damit  die  Franzosen  zufrieden  gestellt
  würden.  An  Krieg  dachte  er  nicht;  kriegerischen  Gedanken  war  er
durchaus  abgeneigt.

Nun  entschloß  Napoleon  sich  auch,  nachdem  er  das  Dolk  KFrankreichs
durch  ein  Hlebiscit  befragt,  zu  Anfang  1870  liberale  Reformen  und  eine
liberale  Perfassung  einzuführen.  Allein  lärmend  erhob  sich  sofort  die
Opposition.  Vorsichtig  that  daher  der  Kaiser  einen  Schritt  weiter.  Er
berief  im  Mai  in  das  liberale  Ministerium  Gllivier  als  Minister  des
Auswärtigen  den  streng  klerikalen  Herzog  von  Gramont,  der  seit  Zahren
französischer  Botschafter  in  Wien  und  durch  seine  Suneigung  zu  Esterreich
  ebenso  wie  durch  seine  Abneigung  gegen  Hreußen  bekannt  war.
Esterreich  sich  zu  nähern,  war  der  Sweck  der  Ernennung.

Allein  auch  in  Berlin  blieben  diese  Hrojekte  einer  sich  bildenden
Tripelallianz  kein  Geheimnis.  Gegen  wen,  als  gegen  Hreußen,  konnte
sie  sich  richtend  Ohne  Herzug  begab  sich  daher  König  Wilhelm,  von
Bismarck  begleitet,  zu  dem  Kaiser  Alexander  von  Rußland,  der  damals
in  Ems  zur  Kur  weilte.  Er  erreichte,  daß  ihm  dieser  für  den  Fall,  daß
Dreußen  angegriffen  würde,  die  wohlwollende  Neutralität  Rußlands  zusicherte,
  vorausgesetzt,  daß  es  keinerlei  Swang  gegen  die  süddeutschen
Staaten  übe.  Damit  schien  denn,  als  der  König  am  4.  Juni  nach  Berlin
zurückkehrte,  das  bedrohte  Gleichgewicht  wieder  hergestellt  und  der  Frieden
wieder  gesichert  zu  sein,  so  daß  die  meisten  Alinister  auf  Urlaub  gingen
und  auch  König  Wilbelm  sich,  wie  er  pflegte,  am  20.  Juni  nach  Ems
zur  Badekur  begab.  Indes  wie  schnell  täuschte  sich  aller  Erwartung!

Die  äußerste  Rechte  in  der  französischen  Kammer  bildeten  die  „Arkadier“,
  hochkonservative  Leute,  die  großenteils  dem  kaiserlichen  Bose
nahestanden.  Ihnen  war  das  liberale  Ministerium  im  höchsten  Grade
verhaßt;  auf  jede  Weise  strebten  sie  danach,  es  zu  stürzen.  Das  sicherste