454  Neuntes  Kapitel.

Mittel  dazu  schien  zu  sein,  wenn  es  gelänge,  das  Ministerium  in  irgend—
welche  kriegerischen  Verwickelungen  zu  drängen.  Denn  dann  war  es
klar,  daß,  wenn  es  dem  Drängen  nachgäbe,  der  friedliebende  Kaiser  es
entlassen  würde;  wenn  es  aber  dem  Drängen  nicht  nachgäbe  und  auf
friedlichem  Sinne  beharrte,  daß  es  dann  von  der  öffentlichen  Meinung
gerichtet  werden  würde,  die,  von  den  Zeitungen  aufgehetzt,  laut  nach  Wiederherstellung
  des  französischen  „Prestige“  durch  Demütigung  des  „undank—
baren“  Preußen  verlangte.  So  klar  die  Rechnung  indes  schien,  so  ergab
doch  die  erste  Gelegenheit,  daß  sie  unrichtig  war.  Das  Mirnisterium
traute  sich  Gewandtheit  genug  zu,  auf  zwei  Rossen  zu  voltigieren;  es
wollte  durch  kriegerisches  Gebaren  die  öffentliche  Meinung  für  sich  festhalten,
  ohne  doch  die  Dinge  wirklich  bis  zum  Kriege  zu  treiben.  Aber
waren  sie  auch  die  Meister,  die  dem  Aufwogen  der  Dolksstimme  gebieten
konntend  Und  selbst  wenn  sie  es  konnten,  so  standen  eine  TLinie  weiter
zurück,  die  den  Krieg  aufrichtig  endlich  einmal  wollten,  gerade  die  entschiedenen
  Anhänger  des  Kaisertums,  die  durch  einen  auswärtigen  Krieg
am  leichtesten  die  erschütterte  Disziplin  in  der  Armee  wiederherzustellen,
die  Demokratie  einzudämmen,  zu  dem  früheren  Absolutismus  zurückzukehren
und  vor  allem  durch  Kriegsrulm  den  Thron  Wapoleons  zu  befestigen
hofften.  Sie  vertrauten  auf  das  Chassepot,  auf  die  Überlegenheit  der
französischen  Marine  und  hielten  die  Berichte  des  Barons  Stoffel,  des
französischen  Militärattachts  in  Berlin,  von  der  Dortrefflichkeit  der
preußischen  Armee  für  übertreibende  Doreingenommenheit.  Diese  Leute  sind
es  gewesen,  die  das  klarere  Urteil  des  Kaisers  getrübt  und  seine  Friedfertigkeit,
  gerade  weil  er  sie  als  ergebene  Anhänger  der  Dynastie  kannte,
zu  dem  verhängnisvollen  Entschlusse  des  Krieges  fortgerissen  haben.

Es  war  am  5.  Juli  1870,  als  in  der  französischen  Kammer  der
Deputierte  Cochery  erklärte,  er  wünsche  das  Ministerium  über  die  spanische
  Thronkandidatur  zu  interpellieren.  Das  war  der  rote  TLappen,
den  die  Arkadier  unauffällig  —  denn  Cocherv  gehäörte  nicht  zu  ihrer
Gruppe  —  dem  liberalen  Ministerium  hinhielten.  Und  sofort  senkte  der
Stier  die  Hörner:  der  Herzog  von  Gramont  erklärte  sich  bereit,  am
nächsten  Tage  die  Interpellation  zu  beantworten.  Denn  er  glaubte  einen
Fallstrick  für  das  Ministerium  darin  zu  erkennen.

Seit  Jahr  und  Tag  suchten  die  Spanier,  nachdem  sie  den  Thron
der  Bourbons  umgestürzt  hatten,  einen  neuen  König.  Allein  von  Harteiungen
  zerrissen,  wie  das  Land  war,  fand  es  niemand,  der  auf  das
Abenteuer  sich  einlassen  wollte.  Der  Staatsrat  Salazar  schrieb  eine  eigene
Broschüre,  in  der  er  eindringlich  seinen  Landsleuten  den  Erbprinzen  Leopold