Preußen  und  Frankreich.  455

von  Bohenzollern-Sigmaringen  zum  Könige  empfahl.  JZedoch  als  er  sich
im  September  1860  nach  Schloß  Weinburg  in  der  Schweiz  begab,  wo
damals  der  Erbprinz  weilte,  lehnte  dieser  durch  die  Aufstellung  unerfüllbarer
  Bedingungen  die  dargebotene  Krone  ab.  Indes  General  Drim
nahm  den  Gedanken  Salazars  wieder  auf  und  sandte  den  Staatsrat  im
Februar  1870  mit  einem  Schreiben  an  König  Wilhelm  und  an  den
Grafen  Bismarck  nach  Berlin.  Der  Rönig  lehnte  es  jedoch  ab,  den
Abgesandten  zu  empfangen;  nur  einen  Familienrat  der  HPohenzollern-Drinzen
  berief  er,  das  Unerbieten  zu  erwägen.  Auf  diesem  sprach  sich
Bismarck,  der  gleichfalls  zugegen  war,  mit  Entschiedenheit  für  die  Annahme
  der  Königskrone  aus;  doch  vermochte  er  den  Entschluß  des  Erbprinzen
  nicht  ins  Wanken  zu  bringen.  Da  war  es  nun  dessen  ater,
der  Fürst  Karl  Anton,  der  auf  die  Möglichkeit  hinwies,  bei  seinem
jüngsten  Sohne  Friedrich  —  der  zweite  war  der  Fürst  Karl  von  RKumänien
  —  größere  Geneigtheit  zu  finden.  Infolgedessen  wurden  im
April  der  Geheime  Rat  Lothar  Bucher  und  der  Major  von  Dersen  nach
Spanien  gesandt,  um  an  Ort  und  Stelle  die  Derhältnisse  zu  prüfen.
Ihr  Bericht  lautete  so  günstig  —  „rosenrot“  nannte  ihn  König  Wilhelm
  —  daß  nunmehr  am  20.  Juni  der  Erbprinz  Leopold  die  ihm  dargebotene
  spanische  Krone  annahm  und  nach  Ems  kam,  wo  König  Wilhelm
  soeben  zur  Badekur  eingetroffen  war,  um  diesem  persönlich  seinen
Entschluß  mitzuteilen.  Der  Rönig,  durch  den  Wechsel  überrascht,  antwortete
  ihm  doch,  er  könne  einem  inneren  Berufe  des  Hrinzen  keinen
Widerspruch  entgegensetzen.  Denn  die  schwäbischen  Fürsten  von  Bohen-=zollern,
  die  sich  schon  1226  von  der  fränkischen  Hauptlinie,  dem  späteren
preußischen  Königshause,  abgezweigt  hatten,  standen  zu  dem  preußischen
Staate  in  gar  keinen  weiteren  Beziehungen,  als  daß  König  Friedrich
Wilhelm  IV.  ihnen  1840  nach  der  Abtretung  ihrer  Fürstentümer  an
Dreußen  den  Rang  von  nachgeborenen  preußischen  Hrinzen  erteilt  hatte.
König  Wilhelm  sah  daher  mit  Zecht  die  ganze  Angelegenbeit  als  eine
Drivatsache  des  schwäbisches  Rauses  an.  Und  in  der  gleichen  Auffassung
antwortete  der  Staatssekretär  von  Thile  dem  französischen  Geschäftsträger
  Le  Sourd,  der  den  beurlaubten  Botschafter  in  Berlin  vertrat,
daß  für  die  preußische  Regierung  die  spanische  Angelegenheit  „nicht
existiere“.  Mapoleon  freilich  schkon  hatte  1860  das  lebhafte  Interesse,
das  er  an  der  Sache  nahm,  zum  Ausdruck  gebracht;  aber  er  dachte
nicht  daran,  Schwierigkeiten  zu  bereiten.  Denn  mit  dem  Fürsten  Anton,
der  mütterlicherseits  ihm  nabe  verwandt  war,  stand  er  auf  durchaus  vertrautem
  Fuße.