458  Neuntes  Kapitel.

er  auf  ihn  zu  und  teilte  ihm  mit,  daß  zwar  die  amtliche  Anzeige  vom
Rücktritte  des  Prinzen  noch  nicht  bei  ihm  eingegangen  wäre,  aber  doch
ein  Extrablatt  der  Kölnischen  Zeitung,  das  in  einem  Telegramm  aus
Sigmaringen  den  Verzicht  des  Prinzen  melde.  Benedetti  erwiderte,  daß
er  diese  Nachricht  schon  gestern  Abend  aus  Paris  erhalten  habe.  Damit
sehe  er  die  Sache  als  erledigt  an,  entgegnete  der  König  und  wandte  sich
zum  Weitergehen.  Nunmehr  aber  richtete  Benedetti  der  erhaltenen
Weisung  gemäß  das  Verlangen  an  den  König,  die  Rücktrittserklärung  des
Prinzen  ausdrücklich  zu  billigen  und  die  Versicherung  auszusprechen,  daß
er  niemals  wieder  seine  Einwilligung  geben  werde,  wenn  diese  Kandidatur
  wiederaufleben  sollte.  Natürlich  lehnte  König  Wilhelm  eine  solche
Erklärung  mit  aller  Bestimmtheit  ab  und  ließ  sich  auch  nicht  wankend
machen,  als  Benedetti  mit  dringenden  Worten  das  unverschämte  Ansinnen
wiederholte;  und  als  dieser  gar  noch  einen  dritten  Anlauf  nehmen  wollte,
wies  er  ihn  ernst  zurück  und  setzte  seine  Morgenpromenade  fort.

Am  Vormittage  lief  nun  bei  dem  Könige  das  Schreiben  Werthers
mit  dem  Gramontschen  Entwurfe  des  Entschuldigungsbriefes  ein.  Der
König  war  entschlossen,  nunmehr  den  französischen  Botschofter  nicht  mehr
zu  empfangen.  Als  daher  um  Mittag  auch  das  Schreiben  des  Fürsten
Anton  eintraf,  sandte  er  es  durch  seinen  Adjutanten,  den  Fürsten  Anton
Radziwill,  an  Benedetti  mit  dem  Bescheide,  er  sehe  hiermit  diese  An—
gelegenheit  als  abgemacht  an.  Gleichwohl  bat  dieser  um  eine  nochmalige
Audienz,  allein  König  Wilhelm  gewährte  sie  ihm  nicht,  sondern  ließ  ihm
durch  den  Prinzen  Radziwill  sagen:  er  könne  sich  nur  auf  das  beziehen,
was  er  am  Morgen  dem  Botschafter  selbst  gesagt  habe;  das  sei  sein
letztes  Wort.  Sugleich  übergab  er  dem  Geheimen  Rat  Abeken  eine
kurze  schriftliche  Darstellung  der  Dorgänge  des  MWorgens,  die  er  selbst
niedergeschrieben  hatte,  und  wies  ihn  an,  sie  Bismarck  telegraphisch  mitzuteilen.


Bismarck  war  auf  seiner  Fahrt  von  Darzin  bis  Berlin  gelangt,  als
er  die  Nachricht  von  dem  Derzichte  des  Erbprinzen  erfuhr.  Er  glaubte
damit  die  Sache  erledigt  und  die  Weiterreise  überflüssig  geworden.
Abends  um  6  Uhr  (am  15.  Juli)  saß  er  mit  Roon  und  Moltke  zu  Tisch.
Da  traf  Abekens  Depesche  ein.  Sie  lautete:

„Seine  Majestät  schreibt  mir:  „Benedetti  fing  mich  auf  der  Dromenade
  ab,  um  auf  zuletzt  sehr  zudringliche  Art  von  mir  zu  verlangen,  ich
sollte  ihn  ermächtigen,  sofort  zu  telegraphieren,  daß  ich  für  alle  Sukunft
mich  verpflichtete,  niemals  wieder  meine  Sustimmung  zu  geben,  wenn  die
RBohenzollern  auf  ihre  Kandidatur  zurückkämen.  Ich  wies  ihn,  zuletzt