462  Neuntes  Kapitel.

sollte.  Da  war  denn  aus  dem  Ertrablatt  der  „Norddeutschen  Allgemeinen
Seitung“  eine  amtliche  Note  gemacht,  die  Hreußen,  um  Frankreich  herabzusetzen,
  an  die  übrigen  Regierungen  erlassen  hätte;  da  war  dreist  behauptet,
  daß  Hreußen  durch  die  Abberufung  des  NMorddeutschen  Botschafters
  den  diplomatischen  Verkehr  mit  Frankreich  schroff  abgebrochen
und  auch  bereits  mit  der  Mobilmachung  seiner  Armee  begonnen  hätte.
Das  war  von  Anfang  bis  zu  Ende  nicht  wahr:  ein  Seitungsblatt  ist
keine  Note;  mit  der  Dertretung  des  auf  Urlaub  geschickten  Berrn  von
Werther  war  ordnungsmäßig  der  erste  Botschaftssekretär  Graf  Solms
beauftragt,  und  an  Alobilmachung  vollends  dachte  niemand  in  Hreußen.
Allein  die  Lügen  wirkten:  von  den  Miinistern  getäuscht,  beschloß  die
Kammer  den  Krieg;  und  auch  der  Senat,  in  dem  Gramont  dieselbe  Erklärung
  vorlas,  stimmte  zu.  Der  Krieg  war  dal  Und  Haris  hallte  von
dem  Rufe  wider:  „Wach.  Berlin!  Nach  Berlin!"“

Gewaltig  aber  lohte  auch  diesseit  des  Rheines  die  Erregung  auf.
Mit  ruhiger  Würde  hatte  König  Wilhelm  der  unverschämten  Sumutung
FKrankreichs  widerstanden;  aber  in  seinem  geliebten  Könige  fühlte  jeder
Dreuße  sich  selbst  beleidigt.  Mit  unbeschreiblicher  Begeisterung  begrüßte
ihn,  zu  den  Bahnhöfen  zusammenströmend,  sein  treues  Dolk,  als  er  am
Vormittage  des  15.  Juli  Ems  verließ,  um  angesichts  der  drohenden  Seitlage
  nach  Berlin  zurückzukehren.  Auch  Benedetti  war  auf  dem  Bahnhofe.
  Und  so  wenig  rechnete  in  seiner  Herzensgüte  König  Wilhelm  ihm
an,  was  er  doch  im  Auftrage  seiner  Regierung  gethan,  daß  er  mit  einem
kurzen  freundlichen  Wort  sich  von  ihm  verabschiedete.  Ein  Triumphzug
ohne  gleichen  war  für  den  König  die  Beimfahrt.  Stundenlang  stand
wie  Mauern  das  Dolk,  um  wenigstens  einen  kurzen  Moment  unter  brausendem
  Jubelruf  „unsern  Wilhelm“  vorüberfahren  zu  sehen.

Bis  Brandenburg  fuhr  der  Kronprinz  mit  Bismarck,  Roon  und
Moltke  dem  Könige  entgegen,  um  unterwegs  schon  mit  ihm  Rates  zu
pflegen.  Denn  jetzt  waren  selbst  Stunden  kostbar.  Mit  Entschlossenheit
wollte  der  Kronprinz,  nachdrücklichst  von  Bismarck  unterstützt,  den  freventlich
  von  Frankreich  hingeworfenen  Fehdehandschuh  aufheben.  Aber  der
König  hielt  die  Hoffnung  fest,  seinem  Dolke  doch  noch  den  Krieg  ersparen
zu  können.

Kurz  vor  0  Uhr  abends  lief  der  Sug,  ohne  in  Hotsdam  zu  halten,
in  den  im  Umbau  begriffenen  Hotsdamer  Bahnhof  in  Berlin  ein.  Kopf
an  Kopf  gedrängt  stand,  den  König  erwartend,  die  Dolksmenge  auf  dem
Bahnsteig  und  vor  dem  Bahnhof;  nur  ein  schmaler  Gang  von  dem
Salonwagen  nach  dem  Königlichen  Wartezimmer  wurde  mit  Mühe  frei