Preußen  und  Frankreich.  463

gehalten.  Aus  dem  auswärtigen  Ministerium  hatte  sich  der  Staatssekretär
  von  Thile  selbst  aufgemacht,  um  dem  Könige  die  neuesten,  aus
Daris  eingegangenen  Depeschen  sogleich  auf  dem  Bahnbofe  zu  übergeben.
Graf  Solms  meldete  in  ihnen  den  Kriegsbeschluß  der  französischen  Kammern
und  die  Einberufung  der  französischen  Reserven.  Allein  es  gelang  Thile
nicht,  die  Menschenmauer  zu  durchbrechen;  nur  bis  in  die  Nähe  des  freien
Ganges  gelangte  er.  So  rief  er  denn,  als  der  König  ausstieg,  mit
halblauter  Stimme  dem  Kriegsminister  zu,  daß  die  Franzosen  den  Krieg
beschlossen  hätten.  Und  mit  seinem  dröhnenden  Baß  antwortete  Roon,
so  daß  alle  Umstehenden  es  vernabmen,  ohne  auch  nur  die  Miene  zu
verziehen:  „Dann  wollen  wir  es  ihnen  bestens  besorgen!“  und  folgte
ruhig  dem  Könige  nach.  JQetzt  erst  gelang  es  auch  CThile,  sich  hindurchzudrängen.
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Es  war  ein  sehr  schlichter  Raum,  der  während  des  Umbaues  zum
Wartezimmer  des  Königs  eingerichtet  war.  Unter  dem  Kronleuchter  stand
der  König,  als  ihm  jetzt  Bismarck  die  Depeschen  vorlas.  Da  musßte
auch  des  Rerrschers  mildes  Rerz  der  Friedenshoffnung  entsagen.  Nur
einer  kurzen  Beratung  mit  den  Getreuen  bedurfte  es  jetzt  noch.  „Balb
seitwärts  neben  dem  Könige“  —  erzählt  Roon  —  „stand  der  Kronprinz
da  wie  ein  flammender  Kriegsgott,  das  Urbild  teutonischen  Sornes,  mit
zurückgeworfenem  Zaupte  und  drohend  erhobener  Rechten.“  Der  König
sprach  das  entscheidende  Wort,  und  leuchtenden  Auges  trat  der  Kronprinz'
auf  den  Bahnsteig  hinaus  und  rief  laut  in  die  brausende  Menge  hinein:
„Die  Mobilmachung  der  Armee  ist  befohlen!“  Und  wie  ein  Donnerruf,
von  tausend  Stimmen  aufgenommen,  rollte,  mächtig  anschwellend,  das
Wort  weiter,  daß  die  Fensterscheiben  erklirrten.

Anfangs  nur  im  Schritt  konnte  der  Wagen,  in  dem  der  König  mit  dem
Kronprinzen  nach  dem  Königlichen  Dalais  fuhr,  durch  die  aufgeregte,
mit  ungestümen  RBochrufen  ihn  begrüßende  Dolksmenge  seinen  Weg  finden.
Ze  weiter  er  fuhr,  desto  stürmischer  wurden  die  Huldigungen.  „Bei
einer  solchen  Begeisterung  meines  Dolkes“,  sagte  der  König  mit  bewegter
Stimme  zu  seinem  Sohne,  „ist  uns  der  Sieg  sicher.  Wir  können  der
Sukunft  ohne  Furcht  entgegengehen.“

Der  Wagen  fuhr  die  Rampe  zum  Dalais  hinauf.  Der  König  stieg
aus  und,  an  die  vordere  Brüstung  derselben  vortretend,  wollte  er  zu  dem
dichtgedrängten  Dolke  sprechen.  Alllein  die  begeisterten  Rochrufe  der  nachdrängenden
  Tausenden  machten  es  ganz  unmöglich.  Er  verneigte  sich
mehrmals  und  trat  in  das  Dalais.  Da  stimmte  einer  „Beil  Dir  im
Siegerkranz“  an,  und  mit  Kraft  sangen  die  Umstehenden  die  National-