464  Meuntes  Kapitel.

hymne  mit.  Don  einer  andern  Stelle  tönte  brausend  das  Hreußenlied:
„Ich  bin  ein  Hreuße,  kennt  ihr  meine  Farben?“  Berüber.  Da  erklang
aus  weiterer  Ferne  „Es  braust  ein  Ruf  wie  Donnerhall."“  Immer  mehr
stimmten  kräftig  mit  ein;  wie  mächtige  Wogen  drangen  die  Töne  herüber,
bis  auch  die  Sänger  des  Hreußenliedes  und  zuletzt  die  der  Nationalhymne
  mit  einfielen  und  zuletzt  alles  wie  ein  Mann  sang:  „Sum  Rhein,
zum  deutschen  Rhein!  Wir  alle  wollen  Hüter  sein!“  Aber  nicht  als
Kunstlied  in  vierstimmigem  Tonsatz,  wie  sonst  nur  nach  Wilhelms  Komposition
  das  vor  einem  Menschenalter  gedichtete  Lied  Schneckenburgers  in
Gesangvereinen  gesungen  war,  sondern  einstimmig  als  Volkslied,  wie  es
dann  von  hier  aus  rasch  seinen  Weg  zu  allen  deutschen  Berzen  gefunden
  hat.

Ein  Flügeladjutant  trat  unter  die  Menge,  die  immer  wieder  durch
Gesang  und  Hochrufe  auf  den  allgeliebten  König  dem  übervollen  Rerzen
Luft  zu  machen  suchte,  und  bat  sie  auseinanderzugeben,  da  der  König
noch  zu  arbeiten  habe.  Rasch  flog  das  Wort  weiter,  und  in  kurzer  Frist
war  der  weite  Hlatz  leer;  aber  noch  bis  in  die  späte  Nacht  durchzogen,
die  „Wacht  am  Rhein“  singend,  Gruppen  die  Straßen  der  Stadt.

Moch  am  späten  Abend  berief  der  König  die  Minister  zu  sich.  Der
Beschluß,  der  gefaßt  wurde,  ging  dahin,  daß  die  gesamte  Armee  des
Norddeutschen  Bundes  ungesäumt  planmäßig  mobil  zu  machen  sei.  Und
der  Telegraph  trug  den  Befehl  noch  in  derselben  Nacht  hinaus  in
alle  LCande.

Einstimmig  schloß  sich  der  Bundesrat  des  Norddeutschen  Bundes
allen  Beschlüssen  des  Bundespräsidiums  an.  Am  10.  Juli  wurde  der
telegraphisch  einberufene  Reichstag  von  dem  Könige  von  Hreußen  eröffnet,
  nachdem  schon  am  Abend  zuvor  alle  Fraktionen  des  Reichstages
übereingekommen  waren,  ohne  Debatte  alle  Dorlagen  der  Regierung  zu
bewilligen.  Mit  tief  bewegter  Stimme  las  König  Wilhelm  im  Weißen
Saale  die  Thronrede.  Wieder  und  wieder  unterbrach  ihn  der  jubelnde
Beifall  der  Abgeordneten,  aber  an  keiner  Stelle  begeisterter,  als  wie  der
Königliche  Besieger  Gsterreichs  betonte,  daß  Deutschland,  das  so  manche
Dergewaltigungen  seines  Rechts  und  seiner  Ehre  von  Frankreich  früber
schweigend  ertragen,  jetzt  in  sich  selbst  den  Willen  und  die  Kraft  trüge
zur  Abwehr  erneuter  französischer  Gewaltthat.  Da  zitterte  in  dem  greisen
Zelden  die  Mahnung  der  Königin  Luise  nach,  welche  seine  unvergeßliche
Mutter  einst  in  Schwedt  auch  an  ihn  gerichtet:  den  Ruhm  Hreußens
von  Frankreich  zurückzuerobern.  Andachtsvoll  —  es  war  ihr  Todestag
—  hatte  er  am  Worgen  im  Mausoleum  in  Charlottenburg  an  dem