470  Sehntes  Kapitel.

Fritz“,  dem  die  ungekünstelte  Art  sich  zu  geben  ebenso  wie  die  schneidige
Energie,  die  er  im  rechten  Moment  zu  entwickeln  wußte,  in  wenig  Tagen
schon  das  volle  Dertrauen  auch  der  süddeutschen  Truppen  gewannd  Aber
auch  das  erschwerte  die  Führung  gerade  dieser  Armee,  daß  sie,  um  zugleich
  die  linke  Flanke  der  Sweiten  Armee  und  Süddeutschland  gegen
Unternehmungen  des  Feindes  aus  dem  Elsaß  zu  decken,  von  vornherein
auf  ein  angriffsweises  Vorgehen  in  einer  von  den  Bewegungen  der
beiden  andern  Armeen  anfangs  abweichenden  Richtung  angewiesen  war.
„Große  Unternehmungen  werde  ich  schwerlich  ausführen  können“,  meinte
daher  der  Kronprinz.  Allein,  sobald  er  mit  seiner  Armee  die  feindliche
Grenze  überschritten  hatte,  bewies  er  sofort  das  Gegenteil.

Den  Oberbefehl  über  die  gesamten  deutschen  Heere  übernahm  natürlich
  wieder  König  Wilhelm  selbst.  Don  Mainz  aus  kündigte  er  am
2.  August  es  den  Truppen  an:

„Ganz  Deutschland  stebt  einmütig  in  den  Waffen  gegen  einen  Wachbarstaat,
  der  uns  überraschend  und  ohne  Grund  den  Krieg  erklärt  hat.
Es  gilt  die  Derteidigung  des  bedrohten  Daterlandes,  unserer  Ehre,  des
eigenen  Herdes.  Ich  übernehme  heute  das  Kommando  über  die  gesamten
  Armeen  und  ziebe  getrost  in  einen  Kampf,  den  unsere  Däter  in
gleicher  Lage  einst  ruhmvoll  bestanden.  Mit  Mir  blickt  das  ganze  Daterland
  vertrauensvoll  auf  Euch.  Gott  der  Berr  wird  mit  unserer  gerechten
  Sache  sein.  Wilhelm.“

Einfach  als  seine  Pflicht  faßte  der  König  die  Führung  des  Ober—
befehls  auf.  Er  achtete  seiner  73  Jahre  nicht.  Das  war  selbst  in  der
Geschichte  der  Hohenzollern,  des  kriegerischesten  Herrschergeschlechtes,  das
die  Weltgeschichte  kennt,  ohne  Beispiel.  Denn  Friedrich  der  Große  zählte
doch  erst  66  Jahre,  als  er  in  den  Bayrischen  Erbfolgekrieg  hinauszog.
Und  nimmer  sich  schonend,  führte  König  Wilhelm  den  Oberbefehl  höchst
wirksam.  Er  übte  auf  die  militärischen  Operationen,  die  er  genau  über—
wachte,  den  maßgebenden  Einfluß  aus;  in  der  Armeeverwaltung  und  der
Verwendung  des  Armeepersonals  traf  er  die  entscheidenden  Bestimmungen.
Er  war  es,  der  das  gewaltige  Heer  geschaffen  hatte;  und  er  zeigte,  daß
er  es  zu  gebrauchen  wußte.  Gewisse  strategische  Grundgedanken,  die  der
König  schon  in  dem  badischen  Feldzuge  durchzuführen  gestrebt  hatte,
kehren  auch  in  dem  französischen  Feldzuge  wieder.  Denn  wenn  er  auch
für  den  Aufmarsch  und  die  ersten  Operationen  den  Kriegsplan  Moltkes
billigte,  so  führten  doch  sehr  bald  die  Ereignisse  dahin,  daß  der  König
in  sich  selbst,  was  notwendig  war,  finden  mußte.  Einen  Kriegsrat  hat
König  Wilbelm  während  des  ganzen  Krieges,  ebensowenig  wie  Friedrich