480  Zehntes  Kapitel.

einen  freieren  Überblick  zu  gewinnen,  kehrte  dann  aber  in  die  Nähe  von
Rezonville  zurück.  Es  fing  schon  an  zu  dunkeln,  als  das  Geschützfeuer
der  Franzosen,  das  seit  fast  einer  Stunde  geschwiegen,  mit  größter  Beftigkeit
  wieder  begann.  Der  König  befand  sich  im  Bereiche  der  feindlichen
Granaten;  in  seinem  Gefolge  wurde  der  Rittmeister  von  Buddenbrock  verwundet.
  Und  nur  den  ernsten  Dorstellungen  Roons  gelang  es,  den
König  zu  bewegen,  auf  seine  Sicherheit  ZKücksicht  zu  nehmen.  In  langsamem
  Schritt  ritt  der  König  nach  dem  Dorfe.  Die  Franzosen  machten
einen  letzten  gewaltigen  Dorstoß;  allein  die  Dommern,  nach  16  stündigem
Moarsche  soeben  an  der  Schlucht  von  Mance  angelangt,  dringen  hindurch
und  treiben  durch  einen  Bajonettangriff  die  Feinde  zurück;  bis  zu  dem
Standplatze  des  Königs  tönt  ihr  siegesfreudiges  Hurra  herüber.

Der  gewaltige  Sieg  ist  errungen:  bis  unter  die  Kanonen  von  Wetz
sind  die  Feinde  zurückgeworfen.  Es  ist  Abend  geworden.  Um  den
königlichen  Sieger  sammeln  sich  seine  Haladine.  Sur  Seite  brennt  in
dem  Dorfe  eine  große  Wollspinnerei  und  erhellt  die  ganze  Umgebung
mit  unheimlichem  Lichte.  Da  sitzt  der  König  auf  einer  Leiter,  deren  eines
Ende  auf  einer  Dezimalwage,  das  andere  auf  einem  toten  französischen
Grauschimmel  ruht.  Jetzt  nach  dem  Siege,  nach  dem  spannungsvollen
Tage  verlangt  auch  ein  jeder  nach  einer  Erquickung.  Ein  Marketender
wird  Berbeigeschleppt.  Der  König  trinkt  aus  einem  Tulpenglase,  von
dem  der  Fuß  abgebrochen  ist.  Lebensmittel  sind  kaum  zu  beschaffen.
Für  den  greisen  Berrscher  werden  einige  Koteletts  zurecht  gemacht;  dazu
giebt  es  etwas  trockenes  Brot.  Mur  dem  findigen  Bismarck  ist  es  gelungen,
  noch  ein  paar  Eier  aufzutreiben,  die  er  vergnügt  an  seinem
Degenknopf  aufschlägt  und  roh  austrinkt.

Nach  Dont-à-Monusson  zurückzukehren,  ist  es  zu  spät  geworden.  Der
König  bestimmt  daher  auf  dem  Schlachtfelde  zu  übernachten.  Er  wollte
in  seinem  Wagen  schlafen;  doch  gelingt  es  noch,  in  einem  haldbzerstörten
Hause  ein  Simmer  für  ihn  ausfindig  zu  machen.  Von  dem  Krankenwagen
des  Königs  wird  eine  Bahre  herbeigeschafft,  und  auf  dieser  schläft  er,  völlig
angezogen,  nur  mit  dem  Mantel  zugedeckt,  die  Nacht  nach  seinem  großen  Siege-Es

  war  spät  geworden,  bevor  der  Nönig  sich  niederlegen  konnte:
denn  von  allen  Seiten  trafen  noch  am  Abend  die  Z-lleldungen  über  die
erlangten  Erfolge,  aber  auch  über  die  gehabten  Derluste  ein.  Dennoch
war  er  am  nächsten  Morgen  schon  um  halb  7  Uhr  wieder  ganz  munter.
Seine  Absicht  war,  wie  er  pflegte,  das  Schlachtfeld  abzureiten.  Aber  als
nun  aus  den  weiter  eintreffenden  Berichten  neben  der  Größe  des  Erfolges
  auch  die  Schwere  der  Derluste  sich  immer  deutlicher  herausstellte,