Abrechnung  mit  Frankreich.  483

Schon  am  nächsten  Tage  fuhr  der  König  weiter  nach  Bar-le-Duc,
einer  höchst  malerisch  gelegenen  Stadt,  die  durch  manche  Reste  mittelalterlicher
  Architektur  interessant  ist.  Die  Einwohner  hatten  noch  nichts
von  den  großen  Siegen  der  Deutschen  bei  Metz  gehört,  und  als  man
ihnen  davon  erzählte,  glaubten  sie  es  nicht,  wie  sie  denn  nicht  den  ge—
ringsten  Zweifel  hegten,  daß  Frankreich  siegreich  aus  dem  Kampfe  hervorgehen
  würde.  Die  widersprechendsten  Meldungen  gelangten  hier  an  den
König.  „Es  scheint  fast“,  äußerte  er,  „als  wolle  Napoleon  sich  nicht
nach  Paris,  sondern  nach  dem  Vorden  zurückziehen.  Unsere  Kavallerie
ist  schon  in  Chalons  eingerückt  und  hat  erfahren,  daß  die  Armee  Mac
Mahons  von  dort  mit  der  Direktion  auf  Reims  und  die  Festungen  im
Norden  abmarschiert  ist.“  Diese  Unklarheit  der  Situation  veranlaßte  den
König,  auch  den  folgenden  Tag  noch  in  Bar-le-Duc  zu  bleiben;  dann
aber  ließ  er  am  26.  das  Große  Hauptquartier  gleich  um  45  Kilometer
bis  nach  Clermont  in  den  Argonnen  vorrücken.  Die  Bewegung  Mac
Mahons  war  jetzt  klar.  Der  Gedanke  der  Generale  war,  ihn  über  die
belgische  Grenze  zu  drängen  und  dadurch  zur  Triederlegung  der  Waffen
zu  nötigen.  König  Wilbelm  nahm  diesen  Gedanken  an;  er  befahl,  daß
die  Spitzen  der  beiden  „Kronprinzen-Armeen“  eine  Rechtsschwenkung  ausführen
  und  dadurch  den  Gegner  zugleich  von  Paris  und  von  Metz  abschneiden
  sollten,  so  daß  ihm  nichts  anderes  übrig  bliebe,  als  auf  neutrales
Gebiet  überzutreten  oder  sich  zu  ergeben.  Und  nun  eilte  er,  dem  Schauplatze
  des  Ereignisses  nahe  zu  sein.  Kurz  vor  dem  Aufbruche  nach
Tlermont  traf  der  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  im  Großen  Kaupt--quartier
  ein  und  empfing  mündlich  die  Instruktion  seines  königlichen
Daters  für  die  veränderte  Gperation.

Tlermont  ist  ein  ärmliches  Bergstädtchen,  in  dem  notdürftig  nur  die
engere  Umgebung  des  Königs  untergebracht  werden  konnte.  So  sehr  fehlte
es  an  allem,  daß  die  Lichte  in  Weinflaschen  gesteckt  wurden,  dem  HKönige  zu
leuchten.  Dazu  kam  andauerndes  Regenwetter,  das  alle  Wege  aufweichte.

Am  230.,  als  beide  Armeen  in  ihre  Warschschwenkung  eingetreten
waren,  wurde  das  Große  Rauptquartier  gerade  nordwärts  nach  Grand
Dré  vorgeschoben.  Aber  schon  unterwegs  in  Darennes  erhielt  der  König
die  Meldung,  daß  die  Spitzen  der  vorrückenden  Armeen  bereits  vollständig
Kühlung  mit  dem  Feinde  hätten.  Eine  Schlacht  stand  also  nahe  bevor.
Um  4  Uhr  langte  der  König  in  Grand  Dré  an,  wo  er  in  dex  Apotheke
des  kleinen  Ortes  wohnte.  Nach  dem  Diner  versammelte  er  die  Generale
  um  sich.  Denn  ein  französischer  Generalstabsoffizier  war  von  den

5.  Garde-Ulanen  abgefangen  worden,  dessen  Brieftasche  wichtige  Kach-31
