484  Zehntes  Kapitel.

richten  über  die  Absichten  und  Bewegungen  des  Feindes  enthielt.  Nun
kam  es  darauf  an,  den  möglichsten  Nutzen  daraus  zu  ziehen.

Am  30.  August  verließ  der  König,  um  der  erwarteten  Schlacht  bei—
zuwohnen,  schon  in  der  Morgenfrühe  Grand  Pré  und  stieg  schon  eine
Stunde  davon  bei  Sommauthe  zu  Pferde.  Unter  seinen  Augen  warf  der
Kronprinz  Albert  die  beiden  ihm  gegenüber  stehenden  französischen  Corps
bei  Beaumont  zurück  und  nötigte  dadurch  Mac  Mahon,  mit  seiner
ganzen  Armee  binter  der  Maas  Deckung  zu  suchen.  Aber  unmittelbar
hinter  den  Franzosen  überschritt  auch  die  Maagsarmee  den  Strom.  Da
zog  auch  schon  mit  der  Dritten  Armee  der  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm
heran,  um  von  Süden  und  Westen  den  Feind  zu  umfassen  und  ihn  dadurch
  von  TChalons  und  Haris  abzuschneiden.

Fast  den  ganzen  Tag  blieb  der  König  zu  Hferde,  kehrte  aber  am
Abend  nicht  nach  Grand  Oré  zurück,  sondern  nahm  sein  Nachtquartier  in
Buzancy,  wohin  am  Wachmittage  das  Große  Zauptquartier  vorgerückt  war.
Der  ganz  kleine  Ort  war  so  gedrängt  voll  Truppen  aller  Art,  daß  die  Diener
und  Pferde  des  RKauptquartiers  unter  offenen  Thorwegen  oder  im  Freien
die  Nacht  zubringen  mußten.  Auch  für  den  König  war  nur  ein  kleines
Simmerchen  vorhanden,  in  dem  man  ihn  bis  Mitternacht  am  Tische  sitzen
sah.  Er  schrieb  einen  langen  Brief  an  den  Kaiser  Alexander  von  Rußland,
  eingehend  ihm  von  dem  bisherigen  Gange  des  Kampfes  zu  berichten.

Gleichwohl  war  er  am  nächsten  Morgen  schon  um  5  Uhr  wieder
auf.  Er  ritt  zu  derselben  Höhe  wieder  hinauf,  von  der  er  am  vorhergehenden
  Tage  die  Schlacht  bei  Beaumont  überschaut  hatte.  Sie  gewährte
  einen  weiten  Überblick  über  das  Maasthal,  in  welchem  Mac  Mahon
seine  Armee  um  die  kleine  Festung  Sedan  zusammengezogen  hatte.  Tiefe
Ruhe  lagerte  über  dem  Gelände.  Gegen  11  Uhr  indessen  sab  man
hinter  dem  Dorfe  Bazeilles  über  den  dunkel  bewaldeten  Höhen  kleine
weiße  Rauchwolken  sich  emporkräuseln.  Es  war  das  Seichen,  wenn  auch
wegen  der  weiten  Entfernung  Kanonendonner  nicht  zu  hören  war,  daß
die  Dritte  Armee  heran  sei.  Während  der  König  nun  das  Schlachtfeld
beritt,  traf  er  bei  La  Besace  mit  Moltke  zusammen,  der  ihm  genauen
Bericht  über  die  Bewegungen  der  beiden  „Kronprinzen-Armeen“  gab.
Die  Umfassung  des  Gegners  war  im  Begriff  sich  zu  vollenden:  und  König
Wilhelm  gab  den  Befehl  zur  Schlacht  bei  Sedan!  Am  nächsten  Tage
sollte  von  allen  Seiten  her  der  Angriff  auf  die  französische  Armee  erfolgen,
falls  diese  es  nicht  vorzöge,  über  die  nahe  belgische  Grenze  zu  entweichen.
Eine  solche  Entscheidung  ohne  neues  Blutvergießen  war  aber  König
Wilhelms  lebhaftester  Wunsch.