486  Zehntes  Kapitel.

ihn,  was  er  für  Aufträge  habe.  Als  Bronsart  erwiderte:  „Armee  und
Festung  zur  Übergabe  aufzufordern“,  wies  ihn  Napoleon  an  den  General
von  Wimpffen,  der  für  den  blessierten  Mac  Mahon  soeben  das  Kommando
übernommen  habe,  und  fügte  hinzu,  daß  er  nunmehr  seinen  Generaladjutanten
  Reille  mit  dem  Briefe  an  den  König  absenden  werde.

Es  war  7  Uhr,  als  Bronsart  und  Reille  bei  dem  König  anlangten.
Zu  seiner  Überraschung  vernahm  dieser,  daß  Napoleon,  den  er  fern  ge—
glaubt  hatte,  in  der  Festung  anwesend  sei.  In  einiger  Entfernung  sprang
Reille  vom  Pferde  und  überreichte  dem  Könige  den  Brief  Napoleons,
indem  er  hinzufügte,  daß  er  sonst  keine  Aufträge  habe.  Allein  bevor  der
König  den  Brief  noch  öffnete,  sagte  er  zu  Reille:  „Aber  ich  verlange  als
erste  Bedingung,  daß  die  Armee  die  Waffen  niederlege.“

In  dem  Schreiben  erklärte  Napoleon,  daß  er  sich  dem  König  ergebe,
alles  weitere  ihm  anheimstellend.  Auf  der  ganzen  Gefechtslinie  war  das
Geschützfeuer  verstummt;  kaum  daß  auf  den  entferntesten  Punkten  noch
vereinzelte  Kanonenschüsse  fielen.  Atemlose  Stille  herrschte  in  der  ganzen
zahlreichen  Umgebung  des  Königs;  er  winkte  ihr  zurückzutreten,  als
Reille  ihm  den  Brief  übergab.  Nur  ein  wirres  Summen  von  den
Tausenden  vom  Kampfe  ruhender  Krieger  tönte  aus  dem  Thale  herauf.
Der  König  las  den  Brief;  ohne  ein  Wort  zu  äußern,  übergab  er  ihn
dann  Bismarck,  der  ihn  dem  Kronprinzen,  Roon  und  Moltke  vorlas.
Der  König  trat  herzu,  wechselte  einige  Worte  mit  ihnen  und  befahl  dann,
Schreibzeug  herbeizubringen.  Das  war  nicht  leicht:  indes  der  Großherzog
von  Weimar  hatte  Tinte  und  Feder  bei  sich,  der  Kronprinz  Papier  in
der  Satteltasche.  Ein  Tisch  wurde  dadurch  hergestellt,  daß  der  Flügel—
adjutant  von  Alten  zwei  rasch  herbeigebrachte  Strohsessel  aufeinandersetzte
und  der  Leutnant  von  Gustedt  seine  Säbeltasche  darauf  legte.  Darauf
schrieb  der  König  nach  einer  kurzen  Besprechung  mit  jenen  ihm  zunächst
stehenden  Männern  seines  Vertrauens  stehend  die  Antwort:

„Monsieur  mon  frerel

„En  regrettant  les  circonstances  dans  lesquelles  nous  nous  ren-Controns,
  j’accepte  Iépée  de  Votre  Majesté  et  je  vous  prie  de  bien  vouloir
  nommer  un  de  Vos  officiers  muni  de  Vos  pleins  pouvoirs,  pour
traiter  la  capitulation  de  Parmée  qui  s'est  si  bravement  battue  sous  Vos
ordres.  De  mon  cC6té  j'ai  designé  le  général  Moltke  à  cet  effet.  Je
suis  de  Votre  Majesté  le  bon  frère

Devant  Sédan  le  1.  Septembre  1870.

Guillaume."“