488  Sehntes  Kapitel.

Den  Brief  übergab  der  König  selbst  dem  General  Reille;  dann
wechselte  er  noch  einige  Worte  mit  ihm  als  einem  alten  Bekannten  und
entließ  ihn.  Mit  Glückwünschen  drängten  jetzt  alle  Anwesenden  herzu;
die  Spannung  löste  sich  in  eine  unbeschreibliche  Begeisterung  auf;  König
und  Kronprinz  fielen  sich  um  den  Hals;  manchen  flossen  Thränen.  Außerlich
  wohl  erschien  der  König  ruhig;  doch  konnte  man  die  tiefe  Bewegung
seines  Innern  in  seinen  Sügen,  im  Ausdruck  seines  Auges  lesen.  Freundlich
  reichte  er  diesem  und  jenem  die  Hand.  Aber  auf  Bismarcks  Elückwünsche
  antwortete  er  ernst:  „Dies  welthistorische  Ereignis,  fürchte  ich,
bringt  uns  den  Frieden  noch  nicht.“  Und  nun,  als  die  Aufregung  sich
ein  wenig  gelegt,  schrieb  er  rasch  eine  Depesche  nieder,  der  Königin  daheim
  das  Große,  was  geschehen  war,  mitzuteilen.

Auf  dem  Schlachtfelde  vor  Sedan,  1.  Sept.  70,  7  ¼  Uhr.

„Die  französische  Armee  ist  in  Sedan  eingeschlossen  und  der  Kaiser
Aapoleon  hat  Mir  den  Degen  dargeboten.  Ich  habe  ihn  angenommen
und  verlange  die  Kapitulation  der  Armee  als  Kriegsgefangene.  Gott

hat  uns  sichtlich  gesegnet.
Wilhelm.“

Allein  an  die  Königin  ist  diese  Depesche  niemals  gelangt;  daher
fehlt  sie  in  der  Reihe  der  Kriegsdepeschen  König  Wilhelms.  Die  Or—
donnanz,  der  sie  zur  Besorgung  übergeben  war,  verirrte  sich  in  der
Nacht  und  vermochte  auch  am  folgenden  Tage  den  Feldtelegraphen  nicht
aufzufinden.  Schließlich  gelangte  sie  statt  nach  Darennes,  wo  die  Tele—
graphenstation  des  Großen  Hauptquartiers  war,  nach  Donchery  in  das
Hauptquartier  der  Dritten  Armee.  Sie  übergab  hier  die  Depesche  dem
Feldtelegraphen,  der  dieselbe  sofort  weiter  telegraphierte;  allein  in  Berlin
ist  das  Telegramm  niemals  angelangt.  Indes  als  am  2.  auf  Befehl
des  Königs  in  Berlin  Viktoria  geschossen  wurde,  da  begriff  auch  so  ein
jeder  den  großen  Sieg.

Kehren  wir  auf  das  Schlachtfeld  zurück!

Als  der  Abend  hereinbrach,  fuhr  König  Wilhelm  zu  Wagen  nach
Vendresse  zurück.  Aber  die  wunderbare  Kunde  von  der  Ergebung  des
französischen  Kaisers  war  ihm  vorausgeeilt;  zu  jedem  Biwak  der  sieg—
reichen  Heere  war  sie  gedrungen,  und  unbeschreiblicher  Jubel  erhob  sich
überall,  wo  der  König  vorüberfuhr.  Die  Soldaten  zündeten  Freudenfeuer
an,  und  in  Vendresse  hatten  sie  auf  dem  Markte  aus  Mangel  an  Holz
einen  großen  Strohhaufen  aufgetürmt,  den  sie  unter  Hurrarufen  in  Brand
steckten,  als  der  König  nahte.  Das  Musikcorps  der  Königsgrenadiere