Abrechnung  mit  Frankreich.  489

r.  7  zog  vor  das  königliche  Quartier,  dem  allgeliebten  Sieger  eine
Serenade  darzubringen.  In  allen  Zäusern  des  Städtchens  waren  Soldaten
  einquartiert:  sie  illuminierten  die  Fenster,  so  gut  es  die  Derhältnisse
zuließen,  und  zogen  in  ihrer  Berzensfreude  die  halbe  Nacht,  singend  und
Rochrufe  ausbringend,  durch  die  Straßen.  Auch  der  König  versammelte
seine  Umgebung  um  sich  und  trank  mit  ihr  auf  das  Wohl  der  Armee,
„die  solches  Ereignis  erkämpfte“.

Am  andern  Worgen  war  der  König  frisch  und  ruhig,  wie  immer.
Aber  die  Tiefe  seiner  Seele  bewegte  doch  gewaltig  der  große  Sieg  und
seine  Folgen.  „Wenn  man  nur  wüßte“,  sagte  er,  „mit  wem  man  nun
Frieden  schließen  soll,  da  der  Kaiser  mein  Gefangener  ist.  Furchtbares
Schicksal  für  einen  Mann,  der  dock  eigentlich  Frankreich  gut  regiert  hat.“
Auch  der  Kaiserin  Eugenie  gedachte  er  voll  Teilnahme,  was  sie  in  Haris
nun  thun  werde.  Aber  am  lebhaftesten  weilten  seine  Gedanken  doch  bei
seinen  siegreichen  Truppen:  mit  großer  Anerkennung  gedachte  er  der  geschickten
  fsührung  des  Kronprinzen,  der  den  rechten  Flügel  des  Feindes
so  nachdrücklich  umfaßt  und  zur  Unthätigkeit  gezwungen  hatte;  er  freute
sich,  daß  auch  die  Süddeutschen  alle  zu  dem  Siege  mitgewirkt;  aber  dann
umwölkte  sich  seine  Stirn  in  Trauer,  wenn  er  an  die  Herluste  dachte,
über  die  jetzt  bald  die  Meldungen  ihm  zugeben  mußten.

In  Doncherv  waren  Moltke  und  Bismarck  zurückgeblieben,  um  die
den  Franzosen  angebotene  Kapitulation  zum  Abschlusse  zu  bringen.  Allein
die  Kapitulation  verzögerte  sich,  da  der  Kommandant  Schwierigkeiten
erhob.  Infolgedessen  blieb  die  Meldung  des  Abschlusses,  die  der  König
erwartete,  aus.  Dadurch  beunruhigt,  bestieg  er  um  8  Uhr  seinen  Wagen,
um  sich  auf  das  Schlachtfeld  zu  begeben.  In  Chemery  stieg  der  Kronprinz
  in  den  Wagen  des  Rönigs.  Fortwährend  begegneten  dem  Wagen
schwere  Batterien  von  der  Dritten  Armee  mit  endlosen  Munitionskolonnen,
die  während  der  Nacht  den  Befehl  erhalten  hatten,  gegen  Sedan  vorzugehen.
  Dann  langte  auch  Graf  Moltke,  dem  Könige  entgegenkommend,
an,  um  Weldung  zu  erstatten.  Der  König  verließ  daber  auf  der  Höhe
von  Cheveuges  unweit  eines  kleinen  Gasthauses  seinen  Wagen  und  begab
sich  mit  seinem  Gefolge  auf  den  Acker  rechts  von  der  Chaussee.  Bier
berichtete  nun  Moltke,  daß  er  den  entstandenen  Schwierigkeiten  gegenüber
alle  Reservebatterien  näher  an  die  Stadt  herangezogen  und  sie  zur  Beschießung
  Hosition  habe  nehmen  lassen,  um  sofort,  wenn  die  Kapitulation
nicht  bis  12  Uhr  mittags  von  den  Franzosen  unterzeichnet  in  seiner  Hand
wäre,  die  Beschießung  der  Festung  zu  beginnen:  eine  Entschiedenheit,  die
der  König  durchaus  billigte.