490  Sehntes  Kapitel.

Zugleich  berichtete  Moltke,  daß  der  Kaiser  Napoleon  sich  in  Don—
chery  befinde.  Dieser  hatte  schon  um  5  Uhr  früh  die  Festung  zu  Wagen
verlassen.  „Wo  ist  der  König?“  fragte  er  selbst  in  deutscher  Sprache
den  Offizier  der  ersten  preußischen  Feldwache,  und  wurde  von  diesem
nach  Donchery  gewiesen.  Dort  fand  er  indessen  den  König  nicht,  wohl
aber  Bismarck  und  Moltke.  Er  blieb  daher  einstweilen  da.  Vor  einem
kleinen  Hause  in  der  Vorstadt  des  Städtchens  saß  er  auf  einer  Bank
mit  Bismarck;  aber  die  Unterhaltung  wollte  nicht  in  Fluß  kommen,  ja
Bismarck  meinte  später,  sie  sei  geschraubt  und  langweilig  gewesen:  nur
zu  begreiflich  unter  diesen  Umständen!

Unterdessen  war  König  Wilhelm  wieder  in  den  Wagen  gestiegen,
und  der  ganze  Zug  setzte  sich  in  Bewegung  nach  der  steilen  Höhe  über
Doncherv,  von  der  aus  der  Kronprinz  tags  zuvor  die  GOperationen  seiner
Armee  geleitet  hatte.  In  tiefster  Ruhe,  hell  von  der  Sonne  beschienen,
lag  jetzt  das  breite  Thal  der  Maas  zu  den  Füßen  des  Siegers.  Auf
einer  von  dem  Strome  umflossenen  Halbinsel  lagerte,  von  der  tapferen
Gegenwehr  des  gestrigen,  von  der  Boffnungslosigkeit  des  heutigen  Tages
ermattet,  die  französische  Armee,  und  aus  der  Festung  wirbelten  Rauchstreifen
  in  die  Luft,  wie  von  verglimmenden  Feuersbrünsten.  Nur  auf
der  steil  abfallenden  Chaussee,  die  nach  Sedan  führt,  jagten  in  ununterbrochener
  Folge  die  schweren  Geschütze  der  Deutschen  hinab,  um  noch
rechtzeitig  die  ihnen  zugewiesene  Stellung  zu  erreichen.  Ihr  Rasseln  tönte
bis  zu  der  Höhe  herauf,  auf  der  jetzt  der  König  stand.

Hierher  überbrachte  nun  Bismarck  die  Bitte  Mapoleons  um  eine
Unterredung  mit  dem  Könige  und  zugleich  dessen  Erbieten,  zum  Könige
auf  die  Böhe  zu  kommen.  Allein  König  Wilhelm  wünschte  dem  besiegten
Gegner  die  Demütigung  zu  ersparen,  zugleich  besorgte  er,  daß  dem  körperlich
  schwer  leidenden  Kaiser  das  Reiten  sowohl  wie  das  Sitzen  in  dem
steil  aufwärts  fahrenden  Wagen  Schmerzen  verursachen  möchte.  Er  lehnte
daher  das  Anerbieten  Mapoleons  ab,  indem  er  sich  dafür  entschied,  sobald
das  Schicksal  des  Tages,  sei  es  durch  Kapitulation,  sei  es  durch  Bombardement,
  entschieden  sein  würde,  dem  Kaiser  selbst  einen  Besuch  zu
machen,  gleichsam  den  des  Kaisers  erwidernd.  Er  schlug  dafür  das
kleine  Schlößchen  Bellevue  unweit  Donchery  vor.

Unbedingte  Waffenstreckung  der  französischen  Armee  verlangte  der
König.  Es  war  halb  12  Uhr.  Ruhig  setzte  er  sich  auf  einen  Grenzstein
und  frühstückte.  700  Geschütze  standen  bereit,  ein  vernichtendes  Bombardement
  gegen  die  Festung  zu  eröffnen.  Da  erschien  der  Bauptmanm
von  Alten  und  meldete  dem  Könige,  daß  Graf  Bismark  und  General