492  Zehntes  Kapitel.

chens  in  das  Empfangszimmer  daneben.  In  dem  Papvillon  blieb  der
Kronprinz  zurück,  während  das  Gefolge  zu  Pferde  neben  der  Treppe  hielt.

In  dem  kleinen  Empfangszimmer  stand  König  Wilhelm,  in  der
Campagneuniform,  Überrock,  den  Helm  in  der  Hand,  frei,  die  rechte
Seite  dem  Fenster  zukehrend;  Napoleon  dagegen  in  kleiner  Generalsuniform,
  den  Stern  der  Shrenlegion  auf  der  Brust,  lehnte  sich  an  eine
Kommode,  die  links  von  der  Derandathür  an  der  Wand  stand.

Der  König  eröffnete  die  Unterredung.  Nachdem  das  Schicksal  des
Krieges,  sagte  er,  sich  gegen  den  Kaiser  gewandt  und  dieser  ihm  seinen
Degen  anbiete,  so  sei  er  gekommen,  um  ihn  zu  fragen,  welches  jetzt  seine
Absichten  seien.

Mapoleon  stellte  seine  Sukunft  lediglich  dem  Könige  anheim.

Dieser  erwiderte,  daß  er  mit  aufrichtigem  Mitgefühl  seinen  Gegner
in  solcher  Lage  sehe,  zumal  ihm  nicht  unbekannt  sei,  daß  es  dem  Kaiser
nicht  leicht  geworden,  sich  zum  Kriege  zu  entschließen.

Diese  Außerung  that  Napoleon  offenbar  wohl.  Mit  Wärme  beteuerte
  er,  daß  er  nur  der  öffentlichen  Meinung  gewichen  sei,  als  er  sich
zum  Kriege  entschlossen  habe.

„Daß  aber  die  öffentliche  Meinung“,  entgegnete  der  König,  „diese
Richtung  genommen,  das  haben  diesjenigen  verschuldet,  welche  Sie  zu
Ihren  Ratgebern  berufen.“

Mapoleon  schwieg.  So  fragte  denn  der  König,  auf  den  unmittelbaren
  Sweck  des  Besuches  eingebend,  ob  der  Kaiser  jetzt  irgendwelche
Unterhandlungen  beabsichtige.

Mapoleon  verneinte  dies;  denn  ihm  als  einem  Gefangenen  stehe
keinerlei  Einfluß  auf  die  Regierung  zu.

Wo  denn  diese  Regierung  sei,  fragte  der  König.

„In  Haris!"  entgegnete  Napoleon.

Der  König  leitete  nun  die  Unterredung  auf  die  persönliche  Lage
des  Kaisers  und  bot  ihm  das  Schloß  Wilhelmshöhe  bei  Kassel  als  Aufenthalt
  an.

Napoleon  nahm  dies  sofort  an;  besonders  schien  ihn  dabei  die  Bemerkung
  des  Königs  zu  befriedigen,  daß  ihm  zur  Sicherheit  eine  Shrenwache
  über  die  Grenze  beigegeben  werden  würde.

Im  weiteren  Verlaufe  der  Unterredung  sprach  er  die  Dermutung
aus,  daß  er  die  Armee  des  Hrinzen  Friedrich  Karl  sich  gegenüber  gehabt
habe.  Der  König  berichtigte  ihn:  es  sei  sein  Sohn  und  der  Kronprinz
von  Sachsen  gewesen,  die  bei  Sedan  gefochten.

„Und  wo  ist  denn  Hrinz  Friedrich  Karl?“