494  Sehntes  Kapitel.

„Mit  sieben  Armeecorps  vor  Metz!“  antwortete  der  König,  scharf
die  Worte  betonend.

Da  trat  Napoleon  mit  allen  Seichen  schmerzlicher  Überraschung
einen  Schritt  zurück.  Ein  schmerzliches  Sucken  fuhr  über  sein  Gesicht;
denn  jetzt  erst  ward  ihm  klar,  daß  er  nicht  die  ganze  deutsche  Armee
gegen  sich  gehabt  habe.

Den  tief  Gebeugten  aufzurichten,  sprach  der  König  von  der  Tapferkeit,
  mit  der  die  französische  Armee  gefochten  habe.

Gern  bestätigte  Napoleon  das;  aber  —  setzte  er  hinzu  —  ihr  fehle
die  Disziplin,  welche  die  deutsche  Armee  so  sehr  auszeichne.  Die  preußische
Artillerie  sei  die  erste  der  Welt:  ihrem  Feuer  hätten  seine  Truppen  nicht
widerstehen  können.

Die  Unterredung  war  zu  Ende.  21  Minuten  hatte  sie  gedauert.
Die  Rerrscher  traten  aus  dem  Simmer  in  den  Havillon.  Tapoleon  war
in  tiefer  Bewegung.  Er  reichte  dem  Kronprinzen  die  Hand,  indem  er
mit  dem  Handschuh,  den  er  in  der  andern  trug,  sich  die  Thränen  aus
den  Augen  wischte.  Voller  Dankbarkeit  gedachte  er  dabei  der  Worte
und  der  großmütigen  Art  überbaupt,  mit  der  König  Wilhelm  ihm  begegnet
  wäre.

Mit  einem  Kändedruck  verabschiedete  sich  der  König  an  der  Treppe
von  seinem  kaiserlichen  Gefangenen.  Auch  er  war  durch  das  Geschick
Rapoleons  sehr  bewegt,  den  er  vor  drei  Jahren  auf  dem  Gipfel  seiner
Macht  gesehen  hatte.  Der  tiefe  Ernst  in  seinen  Sügen  bellte  sich  erst
auf,  als  er  zu  den  Biwaks  der  Truppen  kam.  Fünf  Stunden  hindurch
beritt  er  das  weite  Schlachtfeld  von  einem  Corps  zum  andern;  und  alle
begrüßten  ihn  mit  einem  Jubel,  daß  er  selbst  lächelnd  sagte,  so  etwas
hätte  er  denn  doch  noch  nicht  erlebt.

Darüber  kam  die  Nacht.  Mitten  im  Walde  la  Garenne  brach  überdies
  mit  heftigen  Regenschauern  ein  Unwetter  los,  so  daß  der  König  den
weiteren  Ritt  ausgeben  mußte.  In  dem  Wagen  des  DHrinzen  Allbrecht,
seines  Bruders,  der  in  der  Nähe  biwakierte,  kehrte  er  nach  Bazeilles  zurück,
wo  die  Wagen  des  großen  RZauptquartiers  warteten.  Allein  die  Reimfahrt
  war  bei  der  Dunkelheit  und  den  vielfach  versperrten  Wegen  so
schwierig,  daß  der  König  erst  um  halb  2  Uhr  nachts  in  Dendresse  wieder
eintraf.  Sechzehn  Stunden  war  der  greise  Held  in  anstrengender  und
aufregender  Thätigkeit  ohne  eine  andere  Stärkung  gewesen,  als  ein  wenig
kalte  Küche  in  Doncherv  zum  Frühstück:  jetzt  zog  er  sich  müde  und  abgespannt
  in  sein  Simmer  zurück,  während  das  Gefolge  nebenan  zu  einem
rasch  improvisierten  Souper  sich  niedersetzte.  Da,  nach  kurzer  eile,