Abrechnung  mit  Frankreich.  495

öffnete  sich  die  Thür:  König  Wilhelm  trat  herein,  um  in  froher  Stim—
mung  noch  im  Kreise  seiner  Getreuen  zu  verweilen.

Dennoch  saß  er  am  nächsten  Morgen  schon  um  halb  8  Uhr  früh
wieder  am  Schreibtisch:  er  schrieb  an  die  Königin  den  berühmten
Brief  vom  3.  September,  in  welchem  er  ein  Bild  der  Schlacht  und  ihrer
Folgen  ihr  entwirft.  „Nun  lebe  wohl“,  schloß  er,  „mit  bewegtem  Herzen
am  Schlusse  eines  solchen  Briefes.“

Still,  nach  so  großen  weltbewegenden  Ereignissen,  verging  der  Tag.

Aber  eine  Feier  hatte  sich  der  König  noch  vorbehalten.  Er  ließ  beim
Diner  —  zum  erstenmal  in  diesem  Feldzuge  —  Champagner  bringen;
dann  erhob  er  sich,  seine  Mitarbeiter  an  dem  großen  Werke  durch  einen
besonderen  Trinkspruch  zu  ehren.  „Sie“  —  sagte  er  —  „Kriegsminister
von  Roon,  haben  unser  Schwert  geschärft,  Sie,  General  von  Woltke,
haben  es  geführt,  und  Sie,  Graf  von  Bismarck,  haben  seit  Jahren  durch
die  Leitung  der  Holitik  Dreußen  auf  seinen  jetzigen  Höhepunkt  gebracht!“
Und  damit  trank  er  auf  das  Wohl  der  drei  Getreuen;  er  konnte  sich  gar
nicht  genug  thun,  sie  recht  zur  Anerkennung  zu  bringen.
Anm  nächsten  Tage,  als  die  abwägende  Überlegung  wieder  in  ihre
Rechte  trat,  wurde  in  Gegenwart  des  Königs  gegen  den  Trinkspruch  eingewandt,
  daß  nicht  Moltke,  sondern  der  König  selbst  das  Schwert  „geführt.“
„Nun  ja“,  gab  der  König  nach,  „gefübrt  habe  ich  das  Schwert.  Aber“,
setzte  er  gleichsam  sich  entschuldigend,  hinzu,  „ich  hatte  im  Augenblick
kein  anderes  Wort.“  Sicher  war  es  das  nicht,  sondern  nur  wieder  einmal
  das  Bestreben  des  selbstlosen  Fürsten,  seine  Getreuen  in  den  hell  beleuchteten
  Dordergrund  zu  stellen  auf  die  Gefahr,  daß  sein  eigenes  Derdienst
  dadurch  nicht  zu  vollem  Rechte  käme.

Der  Vormarsch  der  siegreichen  Armeen  gegen  die  feindliche  Haupt—
stadt  vollzog  sich  nunmehr,  da  keine  französische  Armee  mehr  im  Felde
stand,  durchaus  ungestört.  Und  damit  rückte  denn  auch  das  Große  Rauptquartier
  stetig  nach  Südwesten  vor.  In  Rethel  machten  die  aus  Berlin
eintreffenden  Seitungen,  die  alle  voll  Jubels  über  die  gewaltige  Nieder—
schmetterung  des  französischen  Kaiserreichs  waren,  dem  HKönig  herzliche
Freude.  „Wie  nun“,  sagte  er,  „wenn  damals  die  Herren  von  der  Opposition
  ihre  Absichten  gegen  meine  Reorganisation  der  Armee  durchgesetzt
hätten!  elche  furchtbaren  Erfahrungen  würde  Hreußen  haben  machen
müssen!  Jetzt  wird  man  einsehen,  warum  ich  so  fest  geblieben  bin.“

In  Reims  verlängerte  sich  der  Aufenthalt.  Denn  nachdem  in
Daris  die  Republik  ausgerufen  war,  wollte  der  König  abwarten,  „wer
sich  an  die  Spitze  einer  etwaigen  erteidigung  stellen  und  sich  die  Macht