496  Sehntes  Kapitel.

anmaßen  würde,  über  einen  Frieden  zu  unterhandeln.“  Aber  das  Bild,
das  er  in  den  nächsten  Tagen  aus  den  französischen  Seitungen  von  der
Gestaltung  der  Dinge  in  Haris  gewann,  erfüllte  ihn  mit  ernster  Sorge.
„Jetzt  fängt  der  Krieg  erst  an“,  meinte  er,  „jetzt  werden  die  Wortführer
  eine  leyée  en  masse  predigen,  wie  1814  die  bewaffneten  Bauern,
mit  denen  wir  damals  genug  zu  thun  hatten.  Wir  werden  vielleicht
noch  schwere  Tage  zu  durchleben  haben.“

Und  wirklich  trat  schon  in  den  nächsten  Tagen  das  Unwesen  der
Franctireurbanden  zu  Tage,  die,  rasch  auftauchend  und  verschwindend
viel  Schaden  im  kleinen  thaten  und  das  Land  in  Unrube  erhielten.  Mit
Infanteriepiketts  mußte  daher  die  Landstraße  besetzt  werden,  als  der
König  am  10.  September  nach  Thalons  fuhr,  um  das  dortige  Übungslager
  zu  besichtigen.  Er  besuchte  dort  den  Havillon  des  Kaisers,  das
Kasino,  die  Chalets  der  Generale;  aber  alles  lag  in  greulichster  Derwüstung.
  Die  Bewohner  der  benachbarten  Dörfer  hatten  alles  geplündert
und  zerschlagen.  So  ganz  hatte  in  der  Bevölkerung  das  napoleonische
Kaisertum  allen  Halt  verloren!

Als  Undank  erschien  das  dem  Könige.  Denn  die  Derlegung  des
Großen  Rauptquartiers  (am  14.  September)  nach  Chateau  Thierrr  führte
ihn  in  das  reizende  Marnethal.  Allenthalben  sab  man  hier  den  Segen
der  zwanzigjährigen  napoleonischen  Regierung,  vortreffliche  Landstraßen,
wohlhabende  Bauern,  sorgsame  Kultur.  Aber  die  undankbaren  Franzosen
erschienen  dem  Könige  als  ein  Dolk,  „das  alles  vergesse  und  nichts
lerne“  —  wie  er  sagte.  ·

Immer  klarer  stellte  sich  dem  Könige,  während  seine  Umgebung
nahen  Friedenshoffnungen  sich  hingab,  die  Erkenntnis  heraus,  daß  nach
allen  großen  Erfolgen  die  definitive  Entscheidung  doch  in  Wahrhbeit  erst
in  der  Einnahme  der  feindlichen  Hauptstadt  liegen  werde.  Und  diese
war  entschlossen,  sich  auf  das  äußerste  zu  wehren!  Die  ganze  Umgegend
von  Paris  war  in  eine  Einöde  verwandelt.  Noch  vor  Meaux,  dem
nächsten  Ziel  des  Großen  Hauptquartiers,  kam  der  König  durch  Dörfer,
die  von  allen  ihren  Bewohnern  verlassen  waren.  Nur  hin  und  wieder
schlich  eine  hungrige  Katze  um  die  leer  stehenden,  von  allem  Hausrat
entblößten  Wohnungen.  Nirgends  eine  lebende  Seele  außer  den  deutschen
Soldaten!  Das  erfüllte  den  König  mit  schwerer  Sorge;  auf  das  ge—
naueste  verfolgte  er  den  Anmarsch  aller  Corps  auf  der  Karte  und  berechnete
  alle  Zllöglichkeiten;  ja  er  war  auf  einen  Winterfeldzug  gefaßt.
Am  16.  kam  der  Kronprinz  nach  Meaux,  wo  nach  dem  Dortrage  der
Generale  der  König  den  Hlan  für  die  Einschließung  von  Haris  im  ein-