Abrechnung  mit  Frankreich.  497

zelnen  feststellte:  fürwahr  ein  Gedanke  von  überraschender  Kühnheit,  mit
150  000  Mann  eine  Stadt  von  1/  Millionen  Bewohnern,  von  denen
mindestens  400000  zur  Verteidigung  die  Waffen  trugen,  in  einer  80  Kilometer
  langen  TLinie  einschließen  zu  wollen,  um  ihre  Ergebung  zu  erzwingen!

Bis  zum  Abend  des  10.  sollte  nach  dem  DHlane  die  Einschließung
von  Haris  vollendet  sein.  Da  meldete  der  Flügeladjutant  Fürst  Radziwill
dem  Könige,  daß  der  Kronprinz  von  Sachsen  im  Norden  von  Daris  auf
Truppen  gestoßen  wäre,  so  daß  ein  Gefecht  wahrscheinlich  sei.  Mit  der
Elastizität  eines  Jünglings  sprang  bei  diesen  Worten  der  König  vom
Stuhle  auf  und  gab  die  nötigen  Befehle.  Die  Reitpferde  sollten  nach
Claye  sofort  abgehen  und  das  Rauptquartier  nach  Ferrières  vorrücken:
Indessen  als  der  König  auf  dem  Schlachtfelde  ankam,  war  das  ganz
unbedeutende  Gefecht  schon  vorüber.  Er  beritt  daher  nur  die  Stellungen
der  Truppen;  und  bei  diesem  Ritte  war  es,  daß  er,  die  Thaussee  nach
Lille  hinaufreitend,  unweit  des  Dont  d'Iblon  östlich  von  St.  Denis  von
einem  geringen  Rügel  aus  Haris  vor  sich  liegen  sah.  Auch  1814  hatte
er  von  derselben  Seite  aus  der  Stadt  sich  genähert:  er  suchte  daher  nach
Erkennungspunkten;  doch  war  er  nicht  sicher,  ob  er  den  Triumphbogen
und  das  Hantheon  wiedererkenne.

Das  Schloß  in  Ferrières,  das  dem  Baron  Rothschild  gehörte,
war  mit  erstaunlicher  Hracht  eingerichtet.  „Ich  kann  mir“,  sagte  der
König,  „so  etwas  nicht  erlauben.  Darum  habe  ich  mich  auch  in  das
einfachste  Simmer  zurückgezogen.“  In  der  That  machte  er  das  Zadezimmer,
  in  welchem  nur  die  Badewanne  in  eine  Art  Chaiselongue  verkleidet
  war,  zu  seinem  Arbeitszimmer.  Über  Truppenbesichtigungen,  über
mancherlei  Sorgen  über  die  Derproviantierung  des  Heeres,  über  der
Freude,  daß  Straßburg  kapituliert,  kam  der  50.  September,  der  Geburtstag
  der  Königin,  heran.  Es  war  das  erste  Mal  seit  seiner  Dermählung,
daß  der  UKönig  ihn  nicht  mit  seiner  erlauchten  Gemahlin  zusammen
feierte  —  und  es  ist  auch  das  einzige  Mal  geblieben  —  aber  die  sämtlichen
  fürstlichen  Verwandten,  die  bei  der  Armee  sich  befanden,  lud  er
zur  Festtafel  nach  Ferrières.  Nur  der  Kronprinz  fehlte.  Die  Besatzung
von  Haris  hatte  in  der  Richtung  auf  Oillejuif  einen  Ausfall  unternommen,
  den  ersten,  den  sie  wagte;  aber  die  12.  Division  genügte,  ihn
zurückzuweisen.  Dann  warf  sich  der  Kronprinz  auf  ein  Ordonnanzpferd
und  erschien  mit  der  Siegesnachricht,  wenngleich  verspätet,  auf  dem
Feste,  das  seiner  königlichen  Mutter  galt.

Der  Kronprinz  blieb  die  Nacht  in  Ferrières,  da  der  König  am

Abend  sich  unwohl  fühlte  und  an  dem  Thee  nicht  teilnahm.  Indes  die
Kaiser  Wilhelm.  32