498  Sehntes  Kapitel.

Nachtruhe  stärkte  den  greisen  Berrscher,  und  mit  lebhaftem  Interesse  besprach
  er  mit  seinem  sieggekrönten  Sohne  den  Herlauf  des  gestrigen  Gefechtes,
  dessen  Ausgang  ihn  besonders  erfreute,  weil  der  Sieg  trotz  des
noch  mangelhaften  Susammenbanges  und  der  Unfertigkeit  der  Einschließungsarbeiten
  errungen  worden  war.  „Wir  werden“,  meinte  er,
„bald  mehr  von  solchen  Ausfällen  zu  hören  bekommen,  namentlich  wenn
sie  erst  erfahren,  daß  wir  auf  zwölf  Meilen  Umfang  auf  jedem  einzelnen
Dunkte  viel  schwächer  sind  als  sie.  Sie  haben  ja  Leute  genug.“"  Und
daraus  ergab  sich  ihm  denn  der  Wunsch,  das  Große  Hauptquartier
näher  an  die  Umfassungslinien  heranzulegen.  Das  Ergebnis  der  Besprechung
  mit  dem  Kronprinzen  war,  daß  das  Große  Bauptquartier  nach
Versailles,  wo  sich  schon  das  RKauptquartier  der  Dritten  Armee  befand,
verlegt  werden,  der  Kronprinz  aber  die  dortige  Hräfektur  dem  Könige
überlassen  und  selbst  in  die  Dilla  aux  Ombrages  vor  der  Stadt  übersiedeln
  solle.

So  erfolgte  denn  am  5.  Oktober  die  Derlegung  des  Großen  Rauptquartiers
  nach  Dersailles.  Beim  Übergang  über  die  Seine  bei  Villeneuve
St.  Georges  erwartete  der  Kronprinz  mit  seinem  Stabe  seinen  königlichen
Dater  zur  Begrüßung.  Dann  fuhren  sie  miteinander  nach  dem  alten
Königssitze  der  Bourbonen.

Wohl  waren  auf  den  Befehl  der  republikanischen  Regierung  auch
bei  Dersailles  die  prächtigen  Alleebäume  umgehauen  und  über  die  Straßen
geworfen,  wohl  waren  auch  hier  die  Brücken  zerstört  und  das  Chausseepflaster
  aufgerissen  worden;  aber  die  Stadt  war  doch  nicht  verödet.  Die
Einwohner  waren  in  ihren  Wohnungen  geblieben,  die  Läden  waren
offen,  die  Cafés  besucht,  und  auf  den  Straßen  standen  eine  Menge
Alenschen,  selbst  Damen  in  eleganten  Toiletten,  um  den  König  von
Preußen  zu  sehen,  als  er,  seinen  ritterlichen  Sohn  zur  Seite,  abends  um
6  Uhr  ohne  alles  Gepränge  in  Versailles  seinen  Einzug  hielt,  abnungslos,
  daß  dort  sich  in  kurzer  Frist  das  größte  Ereignis  des  Jahrhunderts
ihm  vollziehen  würde.  Eine  Kaiserkrone  schwebte  über  seinem  HBaupte:
aber  nur  erst  sein  erlauchter  Begleiter  ward  sie  gewahr.