Erstes  Kapitel.
Kaiser  und  Reich.

Zu  neuer  Herrlichkeit  war  im  Schwabenlande  die  Hobenzollernburg
durch  die  Fürsorge  HKönig  Wilhelms  erstanden.  Wie  ein  Svymbol  mochte
das  manchen  wohl  anmuten,  der  sie  stark  und  stolz  auf  ihrem  Berge
ragen  sah.  Der  König,  die  wiedererstandene  einzuweihen,  war  auf  der
Fahrt  dorthin.  Da  trat,  als  der  Sug  in  Geißlingen  hielt  —  es  war
im  September  1867  —  aus  der  dichtgescharten  Dolksmenge  auf  dem
Balmhof  ein  angesehener  Bürger  der  Schwabenstadt  vor  und  rief  mit
weit  hallender  Stimme:  „Der  Kriegsherr  des  Morddeutschen  Zundes,  der
von  der  Dorsehung  berufene  deutsche  Kaiser:  hoch!“  Und  hundertfach
stimmte  alles  mit  ein  in  den  Ruf.  Denn  auf  „Kaiser  und  Reich“,  auf
eine  feste  und  starke  Dereinigung  der  deutschen  Stämme  ging  im  Süden
wie  im  Norden  das  Sehnen  des  deutschen  Dolkes.  -

Und  jetzt  nun,  Schulter  an  Schulter  stehend,  hatten  die  Söhne  des
Nordens  und  des  Südens  in  gemeinsamer  Anstrengung,  mit  gemeinsamer
Gefahr  den  französischen  Erbfeind  niedergeworfen:  war  es  denkbar,  daß
die  treuen  Kampf=  und  Siegesgenossen  von  Wörth  und  Sedan,  wenn  der
Krieg  vorüber  wäre,  wieder  zu  kühlen  Nachbarn  auseinandertreten  sollten  d!
Das  erschien  selbst  unter  den  Fürsten  im  Reerlager,  die  doch  „dem  Reiche“
ihre  Sonderrechte  abzutreten  hatten,  mehr  als  einem  unmöglich.  Und  in
der  Tagespresse  erhoben  sich  Stimmen:  jetzt  sei  der  rechte  Moment.  Mit
freudigem  Eifer  erfaßte  ihn  der  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm.  Nur  gefestigt
  hatte  sich  ihm  seit  Nikolsburg  die  Überzeugung  von  der  hohen
idealen  Kraft  des  Kaisertums.  Und  am  Abend  in  Ferrieres,  als  die  Geburtstagsgäste
  wieder  auf  ihre  Dosten  vor  dem  Feinde  zurückgekehrt  waren,
redete  er  in  vertraulicher  Swiesprache  seinen  königlichen  Dater  darauf  an.
Wenig  ermutigend  klang  die  Antwort:  „Davon  verstehst  du  nichts,  Fritz!“
Denn  dem  schlichten  Sinne  des  Königs  widerstrebte  der  „Kaiser“*).  Er

*)  Hersönliche  Mitteilung  des  Kronprinzen.